Evangelikalismus

Der Evangelikalismus (vom englischen evangelicalism) ist eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus, die auf den deutschen Pietismus, den englischen Methodismus und die Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts zurückgeht.

Evangelikale machen eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus zur Grundlage ihres Christentums; persönliche Willensentscheidungen wie auch individuelle Erweckungs- und Bekehrungserlebnisse sind für eine solche Beziehung von Bedeutung. Zentral ist ebenso die Berufung auf die (teilweise als irrtumsfrei angesehene) Autorität der Bibel.

Das zugehörige Adjektiv evangelikal wird von dem umfassenderen und häufig konfessionsbezogen verwendeten Adjektiv evangelisch unterschieden. Evangelikale Christen können verschiedenen protestantischen Konfessionen angehören, sie können beispielsweise reformiert, lutherisch, baptistisch, methodistisch oder anglikanisch sein, sich aber auch im pietistischen Sinne konfessionsübergreifenden (überkonfessionellen) oder keiner speziellen konfessionellen Gruppierungen zugehörig fühlen. Damit ist Evangelikalismus kein trennscharfer, konfessionsspezifischer Begriff. In Deutschland arbeiten die Evangelikalen in der Mehrzahl in den evangelischen Landeskirchen mit, in denen sie zum Teil eigenständige Gemeinschaften und Strukturen bilden.

Definition

Das relativ junge Wort evangelikal bedeutet „auf das Evangelium zurückgehend“ und ist heute ein feststehender Ausdruck für ein Christentum geworden, das sich auf besondere Weise als bibeltreu versteht und sich daher von liberaler Theologie und Säkularismus abgrenzt.

Begriffsgeschichte


Die Bezeichnung evangelical wurde in England bereits vor der Reformation verwendet. Im 16. Jahrhundert fand das Wort Verwendung in England als Bezeichnung für Anhänger des Protestantismus innerhalb der anglikanischen Staatskirche und bedeutete zunächst nichts anderes als die deutsche Bezeichnung evangelisch. Der Begriff wurde hier später durch die Bezeichnung protestantisch verdrängt.

Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte der Ausdruck evangelical wieder auf. Er diente jetzt als Attribut für die Vertreter der methodistischen Erweckungsbewegung. Methodists und Evangelicals wurden als austauschbare Bezeichnungen verwendet. Mit der Gründung der Evangelischen Allianz (englisch: Evangelical Alliance), die 1846 bei einer Konferenz in London geschah, an der 921 internationale Vertreter vor allem aus Großbritannien und den USA aus verschiedenen protestantischen Kirchen teilnahmen, wurde der verdrängte Begriff erneut aufgenommen. Die Gründungsväter der Allianz repräsentierten nur den Teil des Protestantismus, der im Pietismus sowie in der Erweckungs- und Evangelisationsbewegung wurzelte. Deshalb nannten sie ihr Bündnis nicht Protestant Alliance, sondern dazu in Abgrenzung Evangelical Alliance.

In den USA wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, den Begriff evangelical neu zu definieren, allerdings zunächst vor einem anderen kirchlichen Hintergrund als in England. So unterschied zum Beispiel Robert Baird in seinem Buch Religion in America (1844) zwischen evangelical und unevangelical. Mit evangelical bezeichnete er alle Protestanten, die an der Bibel als verbindlicher Richtschnur festhielten. Unevangelicals waren für ihn die Katholiken, Unitarier, Swedenborgianer, Juden, Atheisten und Sozialisten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als innerhalb des amerikanischen Protestantismus die Auseinandersetzung mit dem theologischen Liberalismus aufbrach, verwandelte sich auch hier der Begriff evangelical von der protestantischen Sammelbezeichnung hin zum „Markennamen“ einer besonderen Richtung innerhalb des Protestantismus.

In Deutschland wurde der Begriff evangelikal erst in den 1970er Jahren eingeführt. Bis dahin stellte der englische Begriff evangelical seit dem 16. Jahrhundert einfach die Übersetzung des deutschen Begriffs evangelisch dar. Seit den 1970er Jahren bezeichnet der Begriff evangelikal im deutschen Sprachraum zunehmend Erweckungsbewegungen und pietistische, reformatorisch-bekennende Bewegungen innerhalb von evangelischen Landes- und Freikirchen.

Im deutschen Sprachraum konnte man die wörtliche Rück-Übersetzung evangelisch für den gleichen Begriff nicht verwenden, da der Begriff bereits seit der Reformation im 16. Jahrhundert besetzt ist. Daher kam es zur Wortschöpfung evangelikal, vor allem nach dem Missionskongress in Berlin 1966. Evangelikale Christen sehen sich in der Regel auch als evangelisch (im Sinne von „sich auf das Evangelium berufend“). Da aufgrund der geistlichen Liberalität des größten Teils der den Landeskirchen verbundenen Menschen evangelisch eher in der Ausnahme auch gleichzeitig „bibeltreu“ bedeutet, verwendet man den Begriff evangelikal zur Abgrenzung von nichtbibeltreuen Richtungen.

Im Englischen hat evangelical gegenwärtig zwei Bedeutungen:

    Zum einen wird es mit evangelikal gleichgesetzt,
    zum anderen (seltener) einfach mit evangelisch, wie beispielsweise in der „Evangelical Lutheran Church in America“ (ELCA), der evangelisch-lutherischen Kirche der USA, die keineswegs „evangelikal“ ist.

In den letzten Jahrzehnten hat sich bei vielen protestantischen Kirchen, beispielsweise innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung verbreitet, welche die vollkommene Wahrheit und Autorität der Bibel in Frage stellt. So wird beispielsweise die Schöpfung in Form des biblischen Kreationismus zunehmend abgelehnt und dagegen die Homoehe als bibelkonform uminterpretiert. Um solchen Entwicklungen entgegenzutreten, wurde in Deutschland nach dem Vorbild der Bekennenden Kirche das evangelikale Netzwerk Bibel und Bekenntnis durch den evangelischen Theologen und Evangelisten Ulrich Parzany ins Leben gerufen. Als Informationsmedium dient im deutschsprachigen Raum vor allem die Evangelische Nachrichtenagentur idea, welche als Informationsdienst der Evangelischen Allianz gegründet wurde. Darüber hinaus ist eine zunehmende Annäherung und Zusammenarbeit mit sogenannten „erzkonservativen“ Katholiken festzustellen, so etwa beim Marsch für das Leben gegen Abtreibung oder der Demo für Alle gegen frühkindliche Sexualisierung. Ein politischer Schulterschluss von Evangelikalen und Erzkatholiken ist ebenfalls politisch im Rechtspopulismus zu beobachten, beispielsweise bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2016 oder der Präsidentschaftswahl in Brasilien 2018. Personelle und inhaltliche Überschneidungen sind ebenfalls bei der Bundesvereinigung Christen in der AfD zu beobachten. Daher wundert es nicht, dass sich inzwischen sogenannte „evangelikale Katholiken“ gebildet haben, welche zwar die traditionellen Lehre innerhalb der römisch-katholischen Kirche vertreten, jedoch viele liberale Reformen der letzten Jahre nicht mittragen.

Ebenfalls weit bei Evangelikalen verbreitet ist die bedingungslose Unterstützung der Juden als „Gottes auserwähltes Volk“ und seines von Gott „JHWH“ versprochenen einzigen Staates Israel. In Organisationen wie z. B. der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) unterstützen solche christlichen Zionisten aktiv die „Alija“, also die Migration verfolgter Juden nach Israel, sowie die Anerkennung Jerusalems als unteilbare Hauptstadt des jüdischen Staates und den Wiederaufbau des biblischen Tempels. Während die großen Kirchen aus Angst, ihren „interreligiösen Dialog“ zu gefährden, zunehmend den biblischen Missionsauftrag skeptisch betrachten und besonders die „Judenmission“ ablehnen, sehen sich die meisten „messianischen Juden“ als Teil des evangelikalen Christentums.

(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.de

Im Wikipedia befindet sich eine detaillierte Darstellung einzelner Aspekte des sexuellen Missbrauchs in der in römisch-katholischen Kirche.