Die Reliquien

Es ist mir in den letzten Jahrhunderten aufgefallen, dass sich die Splitter meines Kreuzes einer großen Beliebtheit erfreuen. Wenn man alle Splitter zusammen bringen würde und daraus die Kreuze zusammenstellt, könnte man etliche Kreuze aufbauen und damit eine beachtliche Massen-Kreuzigung organisieren.

Auch andere Artefakte, die mit mir etwas zu tun haben, florieren sehr gut.

Ihr verehrt die Inschrift „INRI“, die über meinem Kreuz angebracht wurde und heißt „Jesus von Nazareth König der Juden“. Na ja, das stimmt wohl nicht, aber es ehrt mich trotzdem. Eigentlich, ihr könntet mir ein größeres Königreich zuteilen.

Mein Gott! Ihr habt sogar die drei Heiligen Nägel, mit denen ich ans Kreuz geschlagen wurde, gefunden. Drei, habe ich gesagt! Nicht aber dreiundzwanzig, die ihr angeblich gefunden habt.

Und diese römische Schweinerei, die Dornenkrone, habt ihr auch noch behalten. Was? Ihr habt insgesamt achthundert Dornen gefunden! Nein, so viele waren es mit Sicherheit nicht.

Ok, der Kelch, den ich beim Abendmahl verwendet habe, ist schon eine schöne Sache. Manchmal vermisse ich ihn sogar, wenn mir gerade die Lust auf einen guten Tropfen kommt.

Aber meine Tunika, meine kaputten Sandalen und sogar meine Windel hättet ihr lieber entsorgen sollen.

Ihr verehrt sogar die Gebeine des Esels, der mich beim Einzug in Jerusalem auf seinem Rücken trug. Wie peinlich.

Sogar der heilige Schwamm, der zur Löschung meines Durstes am Kreuz diente, wird zerstückelt und an verschiedenen Orten in Frankreich, Deutschland und Italien aufbewahrt und verehrt. Ej, habt ihr sie noch alle? Habe ich mich für solche Schwachköpfe aufgeopfert?

Mein Grabtuch hat eine besondere Geschichte. Die Menschen haben sogar fünf von der Sorte. Das prominenteste unter ihnen ist zweifellos das Grabtuch von Turin. Weitere sind der Schleier von Manoppello, das Schweißtuch der Veronika, das Bluttuch von Oviedo und das Abgar-Bild. Angeblich ist das nicht alles, da gibt es noch weitere Tücher, aber ich sag euch im Vertrauen: „Allesamt sind Fälschungen, ich möchte aber den Menschen nicht den Spaß verderben und lasse sie in ihren Glauben“.

Gut, dass ich auferstanden und in den Himmel abgehauen bin, sonst würdet ihr Menschen alle meine Körperteile überall ausstellen. Jetzt müsst ihr nur mit meinen Überbleibsel zufrieden sein, das ich hier im Himmel wirklich nicht gebrauchen kann: die Nabelschnur, die Haare, die Milchzähne (nur in Frankreich gibt es 500 Stück davon, bin doch kein Krokodil, oder?) und mein bei der Passion vergossenes Blut...

Auch die bei der Beschneidung entfernte Vorhaut (Oh, wie geschmacklos!) habt ihr im Programm. Aber wieso ist die dreizehnfach vorhanden? Ich bin zwar mächtig, aber von mir kann nur eine Vorhaut stammen. Also ich kann nur für eine Vorhaut gerade stehen. Braucht ihr einen Fotobeweis?

Auch die Muttermilch meiner Mama wird verehrt. Aber hundert Kühe haben nicht so viel Milch, wie man von meiner Mama auf der ganzen Welt zeigt.

 

 

Auch die vielen heiligen Märtyrer sind bei euch als Reliquien Quelle gefragt. Da sie nicht wie ich in den Himmel transferiert wurden, sind deren Gebeine und Gedärme euch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Aber wieso hat der hl. Stephanus 13 Arme, der Apostel Philippus ein Dutzend, Apostel Andreas sogar 17? Die Hl. Juliana ist mit 20 Leibern und 26 Köpfen vorhanden. Der Heilige Georg ist mit 30 Körpern präsent. Da muß wohl was nicht stimmen!

Jetzt aber, ich muß praktisch denken.

Da wir unser Himmelstor reparieren müssen, kam ich auf eine glorreiche Idee. Ich will auch in den Reliquien Markt einsteigen. Da ich alle 100 Jahre zum Frisör gehe, könnte ich meine Härchen in kleinen Packungen, marktgerecht anbieten. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir damit einen reißenden Umsatz erzielen. Wir würden genug Kohle erwirtschaften, um das Himmelseingangstor nicht nur zu reparieren, sondern auch noch zu vergolden, ähnlich wie im Vatikan. Es ist mir schon peinlich, dass wir diesbezüglich dem Petersdom hinterherhinken.

Amen.