Die Kreuzigung

Manchmal denke ich, mein Vater ist nicht mein Vater. Wie könnte er mich einfach so herzlos von den Römern kreuzigen lassen.

Er sieht alles, er weiß alles, er ist ist allmächtig. Er sah schon im voraus, was die Römer planten. Oder?

Er ließ mich zuerst dieses schwere Kreuz selbst auf den Berg hinauf schleppen. Hätte er sich nicht was anders, menschlicheres einfallen lassen können. Es gab genügend Esel oder Sklaven in der Gegend.

Und auf dem Berg sah er nur zu, wie mich die Römer ans Kreuz nagelten. Erst der erste Nagel in die linke Hand. Es tat aber weh, dass kann ich euch nur sagen!

Dann kam die rechte Hand. Nächster Nagel und ein geübter Schlag mit dem Hammer, und meine rechte Hand wurde auch an das Kreuz genagelt. Und Papa sah nur zu. Was er sich dabei dachte, dass wollte ich wissen.

Dann kamen die Füße dran. Ein Römer hielt meine beiden Füße zusammen, und ein kräftiger Römer befestigte sie mit einen großen Nagel ans Holz. Auaaa…! Es tut weh, heute noch, wenn ich nur daran denke. Und Papa lachte sich in die Faust, oder was?

Nach getaner Arbeit, stellten sie das Kreuz auf und ich hing jetzt am Kreuz an den DREI Nägeln. Die Römer waren sparsam, aber effektiv. Heute machen die Menschen Witze auf meine Rechnung, wie: „Was waren die letzten Worte Jesus?“ – „Gib‘ mehr Nägel, ich rutsche.“ Und das finde ich unfair. Mir war es damals nicht zum Lachen.

Ich habe mich an meinen Vater mit den Worten gewandt: „Warum nur hast du mich aufgegeben, im Stich gelassen?“. Aber ich bekam keine Antwort. Ziemlich grausam ist Gott, mein Vater, findet ihr nicht auch?

Was hat sich mein Vater dabei gedacht? Vielleicht: „Ich lasse ihn in drei Tagen sowieso auferstehen und die Schmerzen sind alle vergessen. Was aber bleibt, ist ein enormer Eindruck auf die Gläubigen. Durch das Opfer meines einzigen Sohnes am Kreuz habe ich die Welt erlöst und das Heil der Menschen sichergestellt.“

Manchmal denke ich, ich bin an meiner Kreuzigung selbst schuld. Ich habe einfach nicht genug aufgepasst und die Menschen haben mich ans Kreuz genagelt. Daraus habe ich gelernt! Das passiert mir nicht noch mal. Auf die Menschen ist kein Verlass. Auf den Vater aber auch nicht...

Amen.