"Ich habe alles verbrannt" - stern-Karikaturist Gerhard Haderer im Interview

Der Link auf den ganzen Interwiev.

Hier ist ein Auszug aus dem  Interwiev:

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Wie wichtig Sie sind, oder wie gefürchtet, zeigt sich auch daran, dass die katholische Kirche hier in Linz mal ihren Fronleichnamsumzug umgeleitet hat, um gegen den Frevler Haderer zu beten.

Da war vor 15 Jahren, mein Buch "Das Leben des Jesus" war hier ein veritabler Skandal, ein Büchlein von 38 Seiten, und die katholische Kirche heulte auf.

Sie zeigten Jesus als Kiffer, wie er halbnackt über den See Genezareth surft, seine Jünger sind geldgeile Typen und…

Kardinal Schönborn, damals der wichtigste Mann der katholischen Kirche in Österreich verlangte eine Entschuldigung von mir. Eine Groteske, dass er glaubt, er habe im 21. Jahrhundert diese Macht über einen Autoren. Er, auch der damalige Vorsitzende der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt also, haben sich mächtig aufgeregt. In Linz hat die Kirche dann ihren Umzug an Fronleichnam in diese kleine Gasse, wo ich wohne, umgeleitet. Ich lag noch im Bett, dann war da plötzlich so ein Geklingel, ein dumpfes Murmeln, Rhabarber, Rhabarber. Was ist denn da los, denke ich, ich schau zum Fenster raus, bin noch nackt, grüße dann huldvoll und gnädig die Massen da unten. Das haben die nicht vergessen. Ich galt nun als Gotteslästerer, das war nicht ungefährlich.

Es gab ja damals auch Bombendrohungen gegen Sie.

Und böse Hassbriefe. Ein paar Jahre lang waren bei meinen Auftritten stets Polizisten dabei. Nachts um drei bekam ich mal einen Anruf: "Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen." Ich hatte nicht Angst um mein Leben, aber man sorgt sich um seine Kinder. Es ist ja nicht nur so, dass einem physisch gedroht wird. Meine Bank hat mich angerufen, hat gesagt: "Können wir eine Zwischenbilanz ziehen, denn wir wissen ja nicht genau, wie es bei Ihnen weitergeht". Meine Antwort: “Ich weiß schon, wie es weitergeht, ich werde ab sofort die Bank wechseln."

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Staunen Sie manchmal über das, was Sie zeichnen?

Manchmal schon. Die glücklichsten Momente sind dann die, wenn man Werke schafft, die über die eigene Persönlichkeit hinausgehen.

Was meinen Sie damit?

Vor knapp zwei Jahren gab es den Anschlag auf die französische Satire-Zeitung "Charlie Hebdo", wegen ihrer Mohammed-Karikaturen. Sieben Menschen kamen um. Das hat mir die Sprache geraubt. Ich kannte die Kollegen, einer der Getöteten war ein guter Bekannter von mir, Georges Wolinsky. Ich habe gedacht, zu diesem Thema kannst du nichts machen.

Weil es unerträglich ist.

Ja. Ich habe mir einen Tag Schweigen verordnet, ich habe nichts geredet, nur nachgedacht, eine Art Meditation. Am nächsten Tag habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, und ich habe da so eine mickrige schwarz gekleidete Gestalt mit einer Kalaschnikow gezeichnet, einen Terroristen eben, aber nicht größer als 4 Zentimeter. Und den habe ich mit einer unübersehbaren Menge an Bleistiften – als Symbol für Karikaturisten – umgeben. Den ganzen Tag habe ich Bleistifte gezeichnet, in allen möglichen Farben. Am Ende ist ein Poster entstanden, wo diese kleine Figur, dieser dramatisch Irrsinnige da, umzingelt ist von einer Million bunter und fröhlicher Bleistifte, er also machtlos ist. Dass ich das machen konnte, hat mich bei aller Trauer sehr, sehr glücklich gemacht. Mit dieser Zeichnung habe ich mich selbst übertroffen.

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