Jean Meslier

Jean Meslier (mɛlje) (1664 – 1729), Priester, Philosoph, Atheist und Frühaufklärer (auch: Abbé Meslier; * 15.6. 1664 in Mazerny/Ardennen; ? 17.6. 1729 in Étrépigny), ein katholischer Landpfarrer, der unter dem Eindruck der Unterdrückung und Ausbeutung der Landbevölkerung durch Adel und Kirche zum schärfsten Religions- und Sozialkritiker seiner Zeit wurde.

Sein posthum veröffentlichtes politisches „Testament", indem er sich eindeutig zum Atheismus bekannte, wurde zum bedeutendsten Dokument der europäischen Frühaufklärung.

Der Sohn eines Händlers wurde mit 25 Jahren Pfarrer im Dorf Étrépigny. Bis zu seinem Tod im Jahr 1729 blieb er in diesem Amt. Er empörte sich über die schlechte Behandlung der Bauern durch den Adel und prangerte diese offen in seinen Predigten an. Dafür wurde er mehrfach von seinem Bischof gerügt und schließlich zum Schweigen gebracht. Offen antireligiös oder antifeudal aufzutreten war lebensgefährlich. Zu dieser Zeit endeten in Frankreich Ketzer noch auf dem Scheiterhaufen.

Meslier schrieb nun seine Erfahrungen und Gedanken nieder. Seine umfangreichen Ausführungen, entstanden in Auseinandersetzung mit dem systemkonformen Werk Demonstration der Existenz Gottes von François Fénelon. In drei handschriftlichen Exemplaren über eintausend Seiten hinterließ Meslier eine fundamentale Schrift der Herrschafts- und Religionskritik. Pensées et sentiments (nach Voltaires Ausgabe hat sich der Namen „Testament" durchgesetzt) machte Meslier zu einem Pionier des Zeitalters der Aufklärung.

Meslier war der erste in der Neuzeit, der einen konsequenten Atheismus und Materialismus vertrat. Zugleich übte er leidenschaftliche Herrschaftskritik an den feudalen Verhältnissen und entwickelte eine egalitäre frühkommunistische Konzeption der Gesellschaft. Geheime Kopien eines Werks zirkulierten und gelangten in Umlauf. Friedrich II., Rousseau, Voltaire, Holbach, Diderot, d'Alembert und andere Enzyklopädisten lasen es und wurden davon beeinflusst.

Voltaire ließ 1761 Auszüge aus Mesliers Werk anonym veröffentlichen. In dieser Ausgabe wurde Mesliers radikaler Atheismus und Antifeudalismus jedoch stark entschärft. Voltaire umschrieb und milderte den Text, was den ursprünglichen Inhalt zum Teil entstellte. Auch Baron Holbach veröffentlichte 1772 ein Werk über Meslier und sein Testament. Es handelte sich dabei allerdings um von Holbach im Anschluss an Meslier formulierte Texte. Dieser Text erlebte am Vorabend der Französischen Revolution eine erfolgreiche Neuauflage, allerdings ohne Mesliers „agrarkommunistische" Forderungen. In den Fraktionskämpfen der Revolution nahmen sich hauptsächlich die Anhänger von Hebert und Babeuf Mesliers Forderungen an. Ein Vorschlag im Konvent, Meslier im Tempel der Vernunft ein Standbild zu errichten, wurde von den Jakobinern im November 1793 abgelehnt, da sie befürchteten, „dass die von den Hebertisten geförderte atheistische Propaganda zum Abfall der Bauernmassen von der revolutionären Sache führen könnte".

Im 19. Jahrhundert erinnerten französische Arbeiter und deutsche Freidenker an Meslier. Fritz Mauthner würdigte in seinem Werk „Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" die Schrift von Meslier, äußerte aber Zweifel an dessen Urheberschaft. Von französischen Forschern wurde allerdings zwischenzeitlich einwandfrei die Authentizität der Manuskripte nachgewiesen, durch Handschriftvergleiche mit Mesliers Einträgen in Kirchenbüchern von Etrépigny und Balaives und den handgeschriebenen Exemplaren des „Testaments" in der Bibliothèque nationale.
Erst 1970 bis 1972 erschien eine französische Gesamtausgabe des „Testaments", 1976 eine auszugsweise deutsche Übersetzung.(!)

Quelle: Humanistischer Pressedienst


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