Totengespräche

Totengespräche

Autor: Bernard de Fontenelle

Herausgeber: Hans-Horst Henschen

Verlag: Eichborn (Oktober 1998)

Erschienen: 1683

428 Seiten

Merkwürdig: Fontenelle, dieser freie Geist — Diderot und Chamfort haben ihn bewundert, und noch Nietzsche wußte ihn zu schätzen —, Fontenelle ist der vergessenste aller Klassiker; die letzte vollständige deutsche Übersetzung seines Hauptwerkes stammt aus dem Jahr 1727.
In seinen Dialogen bricht die Morgenröte der Aufklärung an. Vielleicht war er zu gescheit für seinen Zeitgenossen, vielleicht ist er zu früh geboren. Im Paris des Jahres 1683 herrschte in der Literatur und in der Philosophic noch die höfische Etikette. Er hat mit ihr gebrochen. Den Sieg seiner Denkweise hat er noch erlebt, denn er wurde genau hundert Jahre alt. In einem Nekrolog aus der Grimmschen Korrespondenz heißt es: »Herr de Fontenelle, dessen Leben kürzlich zu Ende ging, ist eine seltene Erscheinung: Ein Jahrhundert lang Zeuge aller möglichen Umwälzungen des menschlichen Geistes, hat er selbst eine von ihnen herbeigeführt und vielen anderen den Weg gebahnt.«

Die vierundzwanzig Totengespräche sind dem Andenken Lukians gewidmet, und der ganze Witz des großen Vorgängers zeichnet sie aus. Dessen Methode, »die Toten als Dolmetscher für die Probleme der Lebenden« herbeizurufen, hat er zugespitzt durch die verblüffende Paarung der Gesprächspartner und durch den gezielten Anachronismus. So unterhält sich im Reich der Toten der Kaiser Augustus mit dem Skandal-Schriftsteller Pietro Aretino über den Ruhm; die lesbische Dichterin Sappho streitet mit Laura, der Gedichteten, über die Liebe; und eine berühmte Kurtisane beweist Alexander dem Großen, daß ihre Eroberungen interessanter waren als die seinigen. Nicht um die Komik der Situation geht es dabei, sondern um die wechselseitige Destruktion verblendeter Standpunkte im Medium der Ironie. Und wenn zum Schluß der Gott der Unterwelt das Wort ergreift, besiegelt er, als Stellvertreter eines großen Humoristen, die unauflöslichen Dilemmata der menschlichen Existenz.