Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach (* 12. Mai 1964 in München) ist ein deutscher Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker.

Leben

Vorfahren

Schirach ist Sohn des Münchner Kaufmanns Robert von Schirach (1938–1980) und Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach und dessen Ehefrau Henriette von Schirach. Einer seiner Urgroßväter war der Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann, ein anderer Urgroßvater der Intendant des Nationaltheaters in Weimar und des Staatstheaters Wiesbaden Carl von Schirach. Einer seiner Vorfahren über seine Urgroßmutter Emma Lynah Tillou Bailey Middleton von Schirach ist der Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der USA, Arthur Middleton, einer der Gründerväter der USA. Ein anderer seiner Vorfahren ist der Historiker und Schriftsteller Gottlob Benedikt von Schirach, der 1781 die Zeitschrift Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und anderen Sachen gründete – eine der ersten Zeitschriften Europas.

Schirachs Mutter Elke geb. Fähndrich ist eine Enkelin des Unternehmers und NS-Politikers Fritz Kiehn, in dessen Betrieb Robert von Schirach eine Ausbildung absolviert hatte und dann zunächst als Facharbeiter beschäftigt war. Sein älterer Bruder ist der Geschäftsmann und Schriftsteller Norris von Schirach.

Über das Verhältnis zu seinem Großvater Baldur von Schirach äußerte sich Schirach in einem Essay im Spiegel. Über seine Großmutter Henriette von Schirach sagte er: „Dass meine Großmutter auch nach dem Krieg, nach den Bildern der Befreiung von Auschwitz, Gegenstände und Kunstwerke von den Behörden herausforderte, die jüdischen Familien geraubt wurden, erfüllt mich mit Scham und Wut. Das ist eine zweite Schuld, eine Wiederholung der furchtbaren Verbrechen, ein erneuter Raub. Er finanzierte mithilfe des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eine Studie des Kunstbesitzes seiner Großeltern, die im April 2019 veröffentlicht wurde.

Jugend, Ausbildung, anwaltliche Tätigkeit

Er wuchs bis zum Alter von vier Jahren in München auf, wohnte danach auf dem Anwesen eines Urgroßvaters mütterlicherseits in Trossingen und besuchte ab dem Alter von zehn Jahren bis zum Abitur das Jesuiten-Kolleg St. Blasien, über das er anlässlich der Missbrauchsfälle im Spiegel schrieb. Nach dem Abitur trat er aus der Kirche aus und ging zur Bundeswehr.

Nach seinem Jurastudium in Bonn und seinem Referendariat in Köln ließ er sich 1994 in Berlin als Rechtsanwalt nieder, spezialisiert auf Strafrecht. Schirach vertrat unter anderen den BND-Spion Norbert Juretzko, ferner Günter Schabowski in den Mauerschützenprozessen.

Er machte 2008 von sich reden, als er im Rahmen der Liechtensteiner Steueraffäre Strafanzeige gegen den Bundesnachrichtendienst erstattete und als er im Namen der Familie des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski Strafanzeige erstattete, nachdem das Landesarchiv Berlin mit Zustimmung des Berliner Datenschutzbeauftragten Alexander Dix die Krankenakte Kinskis veröffentlicht hatte.

Schriftstellerei

Mit 45 Jahren veröffentlichte er seine ersten Kurzgeschichten. Schirach wurde zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands, dessen Bücher weltweit zu Bestsellern wurden und ihn „zu einem international gefeierten Star der deutschen Literatur“ machten. Seine Bücher erschienen in 40 Ländern. In Interviews sagte Schirach, ihn interessiere der Literaturbetrieb nicht und die meisten Feuilletonisten und Schriftsteller würden ihn als Fremdkörper in ihrer Welt betrachten. Nach eigener Aussage ist Schirach Synästhetiker.

Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erklärte von Schirach, dass er sich dazu nicht äußere. In einem Interview mit dem SWR am 6. März 2018 gab er an, täglich vier Stunden zu schreiben, was eine Ausbeute von einer neuen Buchseite ergebe. Den Rest des Tages verbringe er mit Korrespondenz und Korrekturen. Er flaniere außerdem viel und gerne und habe ein schönes Leben. Seine erste Liebe war eine Enkelin des Widerstandskämpfers Erwin von Witzleben.

Bücher

Verbrechen, 2009

Im August 2009 veröffentlichte Schirach das Buch Verbrechen, das 61 Wochen auf der Bestseller-Liste des Spiegels stand. Der Erzählband mit Kurzgeschichten basiert auf Fällen aus seiner Kanzlei. Die Rechte an dem Buch wurden in über 30 Länder verkauft. Verbrechen ist 2009 auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner, erschienen.

Schuld, 2010

Im August 2010 erschien sein zweites Buch Schuld. Wie der Band Verbrechen enthält es Erzählungen aus dem anwaltlichen Alltag. Sofort nach Erscheinen war es auf Platz 1 der Bestsellerliste des Spiegels. Das von Burghart Klaußner gelesene Hörbuch gewann den deutschen Hörbuchpreis 2011. Die Constantin Film kaufte die Filmrechte an diesem Buch.

Der Fall Collini, 2011

Im September 2011 veröffentlichte Schirach den Roman Der Fall Collini, der auf Platz 2 der Bestsellerliste des Spiegels einstieg. Das Buch erzählt vom Mord an dem Industriellen Hans Meyer, der früher NS-Offizier in Italien war. Zum Erscheinungstag zeigten die Tagesthemen einen Bericht über das Buch. Die Welt sprach von einer „glasklaren Geschichte von bestürzender Amoralität“, der Focus von einem „Glücksfall für die deutsche Literatur“. Jörg Magenau kritisierte in der Süddeutschen Zeitung, der Roman sei aus „Sätzen zusammengefügt, die aus einem Gebrauchs-Katalog für Drehbuchschreiber zu stammen scheinen.“ Schirach erklärte in einem Interview mit der Zeit, dass es ihm nicht um die Frage „Wer war der Mörder?“ gegangen sei, sondern um die Frage „Was ist das Motiv?“. In einem Essay im Spiegel äußerte sich Schirach erstmals über seinen Großvater Baldur von Schirach. Er schrieb, Der Fall Collini sei keine Aufarbeitung seiner Familiengeschichte, vielmehr schreibe er „über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern.“ Der Cicero schrieb, Schirachs Sprache sei ausgehärtet und genau kalkuliert, er stelle sich, anders als Bernhard Schlink, vehement auf die Seite der Opfer.

Die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger setzte am 11. Januar 2012 eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium für Justiz ein und verwies dabei unter anderem auf den Roman Der Fall Collini. Das Wall Street Journal in New York zählte den Roman Der Fall Collini zu den „10 Best Mysteries of 2013“.

Der Fall Collini wurde vom WDR zu einem Hörspiel umgearbeitet (Regie: Uwe Schareck). Die Erstausstrahlung fand am 8. März 2014 statt.

Das Buch wurde unter der Regie von Marco Kreuzpaintner als Der Fall Collini verfilmt. Der Film kam am 18. April 2019 in die deutschen Kinos. Das Buch wurde für den Los Angeles Times Book Prize 2014 nominiert.

Tabu, 2013

Im September 2013 veröffentlichte Schirach den Roman Tabu. Er stieg auf Platz 2 der Bestsellerliste des Spiegels ein. Das Buch wurde unterschiedlich rezensiert. Matthias Matussek schrieb im Spiegel: „Wie wundervoll, so ein Buch, das aus lauter klaren Sätzen besteht, die schlank sind und klug, die nachschwingen und in ihrem Schönheitssog den Leser mitziehen auf eine Reise ins vorzivilisatorische Grauen. […] Dieser Roman, der mit unendlich vielen Ebenen arbeitet, ist nicht nur kunstvoll gefügt, sondern er löst sich selbst in Kunst auf.“ Der Focus schrieb: „Nur wenigen Schriftstellern gelingt es, ihre Besessenheit so intelligent und zugleich spannend in Literatur zu verwandeln.“ Der ORF meinte, Schirach habe „die literarische Aufgabenstellung bravourös gelöst“, er lasse „sich Zeit für Bilder, Szenen und Nebenschauplätze – das alles aber in der ihm eigenen Sprache: klar, scheinbar kühl und kunstvoll zum Wesentlichen destilliert“. Ulrich Greiner erklärte in der Zeit, er habe das Buch nicht verstanden und Schirach könne nicht schreiben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verglich Schirachs internationalen Erfolg mit Patrick Süskind und Bernhard Schlink und schrieb, er reihe sich mit seinen Themen Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe in eine große Erzähltradition ein. Gleichzeitig sei jedoch literarisch „noch reichlich Luft nach oben“. Das Börsenblatt des Buchhandels nannte Tabu zusammengefasst „einen vom Feuilleton gehassliebten Roman“.

Im Ausland wurde Tabu positiv aufgenommen. In Großbritannien, wo das Buch den Titel The Girl Who Wasn’t There trägt, schrieb die Sunday Times: „Ferdinand von Schirach ist einer der gefeiertsten Kriminalautoren Europas“, es handle sich um einen „anspruchsvollen Roman über einen Mann, dessen emotionale Unberührtheit ebenso unterkühlt wie destruktiv ist“. Der Guardian erklärte, der Roman sei in „wunderbar zurückhaltendem Stil geschrieben“, der mit „der Unberührtheit des Protagonisten und seiner sehr abstrakten Sicht auf die Welt übereinstimme“. Der Observer meinte, Schirach schreibe in einer „eiskalten, mühelos eleganten Sprache“, der Roman sei „so fesselnd und exzentrisch wie sein Protagonist.“ Der Daily Telegraph hält Schirach für „eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur“. In England erreichte The Girl Who Wasn’t There Platz 1 der Bestsellerliste der Times (The Times Saturday Review). In Tokio wurde Tabu am Neuen Nationaltheater als Theateradaption aufgeführt. Am 26. Februar 2017 wurde Tabu als Theateradaption in Hamburg am Altonaer Theater aufgeführt. Am 15. März 2019 erfolgte die Wiederaufnahmepremiere dieser Inszenierung von „Tabu“ an den Schauspielbühnen in Stuttgart.

Die Würde ist antastbar, 2014

Im August 2014 erschienen die gesammelten Essays, die Schirach für den Spiegel geschrieben hatte, in dem Band Die Würde ist antastbar. Das Buch stieg auf Platz 2 der Bestseller-Liste des Spiegels ein. Die Rezensionen waren positiv. Im NDR hieß es, Schirachs „Ringen um klaren Ausdruck, die schnörkellosen Sätze sind der rhetorische Beweis für die Klarheit seiner Gedanken“, die Hannoversche Allgemeine nannte die Texte „über den Tag hinaus gültig“. In einem Interview mit dem Standard erklärte Schirach, er möge den Begriff „Intellektueller“ nicht, er habe nur ein paar Dinge aufgeschrieben, die ihm durch den Kopf gingen. „Tatsächlich ist es nur mein Unbehagen – die Welt scheint zu kompliziert für mich geworden zu sein, vieles verstehe ich einfach nicht.“ In demselben Interview sagte Schirach, er habe gerade ein Theaterstück fertiggestellt, über dessen Film- und Aufführungsrechte verhandelt werde.

Die Herzlichkeit der Vernunft, 2017

Im Oktober 2017 veröffentlichten Alexander Kluge und Schirach einen Gesprächsband mit dem Titel Die Herzlichkeit der Vernunft. Das Buch enthält fünf Gespräche über Sokrates, Voltaire, Kleist, Politik und Schirachs Theaterstück Terror. Die literarische Welt druckte vorab das Gespräch über Sokrates mit Modeaufnahmen von Karl Lagerfeld, was die gesamte Ausgabe des gedruckten Einlegers einnahm. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Schirach, das Buch sei dadurch entstanden, dass Kluge und er in den vergangenen Jahren mehrere Filminterviews und eine Reihe von Gesprächen aufgezeichnet hätten.

Strafe, 2018

Im März 2018 erschien Schirachs Kurzgeschichtenband Strafe, in dem zwölf Schicksale beschrieben werden. Der Stern druckte in seiner Ausgabe vom 22. Februar 2018 eine Geschichte vorab. Das heute journal stellte das Buch in der Nachrichtensendung vom 7. März 2018 vor und nannte die Texte „schonungslos, präzise, manchmal kalt distanziert, dann wieder zutiefst menschlich.“ In einem Interview mit dem Deutschland Radio Kultur erklärte Schirach, Strafe komplettierte die Reihe, die er mit Verbrechen und Schuld begonnen habe. Die Trilogie sei von Anfang an so geplant gewesen, sie entspreche der Prüfungsreihenfolge einer Anklage vor Gericht. In einem Interview mit Nils Minkmar im Spiegel sagte Schirach zu dem Buch: „Viele Menschen in meinen Erzählungen sind einsam. Es ist das Grundgefühl, das ich mit meinen Figuren teile.“

Das Feuilleton nahm den Erzählungsband positiv auf. Anne Siemens schrieb am 11. März 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Sein neuer Band ‚Strafe‘ hat an Intensität noch gewonnen; er lässt den Leser mit aufgewühlter Seele zurück und zugleich jedoch beeindruckt, auch glücklich über die Kunst Schirachs, in wenigen Sätzen – manchmal nur in einem – große Fragen des Lebens zu fassen.“ Uwe Wittstock schrieb in der Ausgabe des Focus vom 2. März 2018: „Ferdinand von Schirach ist kein Schriftsteller des lauschigen Halbdunkels. Er schreibt eine Literatur der Klarheit, der Helligkeit, eine Literatur, die genau hinsieht, auch wenn nicht schön ist, was dabei zum Vorschein kommt.“ Die Frankfurter Rundschau urteilte: „Schirach ist ein Könner im Weglassen. Gerade seine kürzesten Geschichten besitzen, so hart sie oft sind, die Gnade des erschrockenen Schweigens.“ Die Abendzeitung schrieb am 5. März 2018: „Kaum ein anderer Schriftsteller kann mit so wenigen Worten so tiefe Gefühle beschreiben und auslösen. Schirach ist ein mitfühlender, zutiefst menschlicher Erzähler.“

Schirach stellte das Buch in einer Premierenlesung in der ausverkauften Berliner Philharmonie zusammen mit den Philharmonikern Guy Braunstein, Olaf Maninger und Amihai Grosz vor. Der rbb übertrug die Lesung im Livestream und im Programm.

Das Buch stieg in der ersten Woche auf Platz 3 der Bestsellerliste des Spiegel ein und erreichte in der zweiten Woche Platz 1.

Im Juni 2018 kritisierte Thomas Fischer auf der Onlineplattform meedia „die Elogen (…) über den unvergleichlich ‚präzisen‘, ‚lakonischen‘, ‚empathischen‘ Stil Schirachs“ und wies nach, dass einzelne Fälle nicht der Fallpraxis des Autors entstammten, sondern Entscheidungen des Bundesgerichtshofs nachempfunden sind. Sabine Rückert hielt dem entgegen, dass Schirach selbst in zahlreichen Interviews erklärt hatte, seine Geschichten seien „wahr, aber nicht in dem Sinne, dass alle so passiert sind“, sondern weil sie Literatur seien.

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle sagte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, er freue sich über den Erfolg der Bücher von Ferdinand Schirach, denn „sie zeigen auf eingängige Weise, wie vermeintlich einfache Rechtsfragen mit großen anderen Fragen verbunden sind – Schuld, Sühne, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Hass. Und dass es mitunter schwerfällt, eindeutige Antworten auf diese Fragen zu finden.“

Kaffee und Zigaretten, 2019

Ferdinand von Schirach gibt in 48 Kapiteln Beobachtungen aus seinem Leben wieder. Er schildert seine Depressionen, einen Suizidversuch im Alter von 15 Jahren, Begegnungen mit Imre Kertész, Lars Gustafsson, Michael Haneke und schreibt über seinen Großvater Baldur von Schirach. Das Buch blieb elf Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war mit Stand vom 8. Dezember 2019 auf Platz 2 der meistverkauften Bücher 2019.

Nach einer Rezension im NDR beschwört Schirach dabei „mit feiner Ironie, untergründigem Humor, leiser Verzweiflung, was ihn verzweifeln lässt und was ihn rettet. Von Schirach ist ein Moralist ohne ausgestellte Moral. Nationalsozialismus, Deutscher Herbst und Rock ’n’ Roll, Joseph Beuys’ Fettecke, Autoren wie Hemingway, Gustafsson und Mark Twain – natürlich das Rauchen, das Entdecken der Heimat auf Reisen. Von Schirach ist ein Meister der Parabel – er erzählt fesselnd seine Geschichte, die zugleich ein Stück unserer Geschichte ist.“

Arno Widmann findet den Klappentextvergleich mit Kafka und Kleist, den die New York Times angestellt hat, unpassend, wirft dies aber nicht dem Autor vor. Von den 48 sehr unterschiedlichen und meist pointierten Texten, die weder für sich noch untereinander einen Zusammenhang stiften, erwähnt er die Darstellung des Großvaters des Autors Baldur von Schirach, der für seine Identitätsbildung „aus Wut und Scham“ wesentlich war. Widmann sieht im „Vielleicht“ den „Kammerton der Schirachschen Prosa“, den Schirach in Abgrenzung gegen die „mörderische Selbstgewissheit“ des Großvaters entwickelt habe. Es fehlt Widmann jedoch in den „müden“ und „umweltverträglichen“ Texten die bleibende Auseinandersetzung mit diesem Schreckbild im Innern des Autors. Schirachs Lakonie sei außerdem asexuell, der Abstand, den wir bräuchten, werde leicht zu dem, an dem wir sterben, dies führe Schirach in jeder Erzählung vor, in der er selbst das „Ausstellungsstück“ sei. Dass Schirach seine Texte „immer abstoßend durchsichtig konstruiere“, sei ihm nicht vorzuwerfen, „wenn es der einzige Wege wäre, in dem dieser Mann sich äußern, also sein Inneres nach außen schütten könnte.“

Hubert Winkels hebt den ersten der nummerierten Texte hervor, einen „kursorische(n) Schnelldurchgang durch Kindheit und Jugend“, den Schirach befremdlicherweise nach dem gleichen Muster wie die Dutzende Fallgeschichten in seinen Storybänden texte. In den Gerichtsgeschichten mache sich ein Strafrechtsanwalt die Perspektive des jeweiligen Angeklagten zu eigen, in der Eröffnungsgeschichte sei der Erzähler selbst der Gegenstand, erfinde sich selbst, wobei der Leser aus zu wenigen berichtenden und auch poetisch vorgetragenen Elementen zu viel konstruieren müsse. Schirachs lakonischer Stil zeige einen „fatalistische(n) Grundkurs“. „Enttäuschung, Glücksferne, Erschrecken über die Conditio humana im Allgemeinen, über das kriegerische Menschengeschlecht und die jüngere deutsche Geschichte im Besonderen grundieren diesen so gut wie alle folgenden Texte.“ Eine Kompilation von Zitaten ergäbe nach Meinung von Winkels ein kleines Brevier des zeitgenössischen Stoizismus: „Es ist unverkennbar, er will uns Wichtiges über die Vergeblichkeit des Lebens und seiner eben daraus resultierenden Würde sagen.“

Theater

Im Januar 2014 wurde bekannt, dass Schirach an einem Theaterstück schreibt. Das Theaterstück Terror startete mit einer Doppeluraufführung am 3. Oktober 2015 am Deutschen Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt. Die Filmrechte wurden an die Moovie GmbH (Oliver Berben, Constantin Film) verkauft. Ein unkonventionelles Stilelement des Werkes ist, dass am Schluss das Publikum als Jury fungiert, vergleichbar dem Stück Night of January 16th von Ayn Rand. Die Deutsche Bühne schrieb (in der Ausgabe vom September 2015) über das Stück: „Das bemerkenswerteste neue Stück der Spielzeit ist zweifellos Ferdinand von Schirachs Terror.“ Deutschlandradio Kultur bezeichnete das Stück als „Anstiftung zu einem moralischen Diskurs“, Die Deutsche Bühne sprach von einer „genialisch sachlichen, fast kargen Sprache“ und die Süddeutsche Zeitung erklärte, dass es „kein Wunder“ sei, „dass die Theater geradezu gierig nach diesem Stoff greifen – als hätte ihn ein Friedrich Schiller der Gegenwart geliefert“ und nannte den „abgründigen Moralisten“ Ferdinand Schirach den „erfolgreichsten Dramatiker dieser Spielzeit“. Reinhard Tschapke urteilte für die Nordwest-Zeitung über die Aufführung des Oldenburgischen Staatstheaters: „Das ist kein Stück, sondern ein Ereignis.“

Der Norddeutsche Rundfunk produzierte aus dem Theaterstück ein Hörspiel unter der Regie von Ulrich Lampen.

Bisher fanden 56 Premieren des Stückes statt, darunter auch auf zahlreichen Bühnen in Österreich und der Schweiz. Premieren wurden auch in Japan und Venezuela gezeigt, weitere Aufführungen sind für Ungarn, Dänemark, Israel und die USA angekündigt (Stand: November 2016). Der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb listet auf seiner Internetseite die Premieren und die weltweiten Abstimmungsergebnisse des Stückes auf.

Nach einer Meldung in Ausgabe 28/2017 des Spiegel ist Schirachs Theaterstück eines der „erfolgreichsten zeitgenössischen Bühnenstücke“, es sei bis dato in 60 Theatern in elf Ländern gezeigt und alleine in Deutschland 1110 mal aufgeführt worden. Dem Deutschen Bühnenverein zufolge war das Stück „mit großem Abstand Spitzenreiter im deutschen Schauspiel der Spielzeit 2016/2017“. Es habe damit Goethes Faust als erfolgreichstes Stück abgelöst. Nach seiner Werkstatistik war Schirach damit nach William Shakespeare der beliebteste Autor in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mittlerweile wird das Stück auf allen fünf Kontinenten gespielt.

Anlässlich des 500.000 Besuchers des Theaterstücks hat der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb Stimmen von Regisseuren und Intendanten zu dem Stück veröffentlicht.

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(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.org


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