Geschichten(n) der Lüge

Geschichten(n) der Lüge

Amüsantes und Skandalöses rund ums 8. Gebot

Autor: Harald Specht

Verlag: Engelsdorfer Verlag

Erschienen: 2006

462 Seiten

Kaum hatte unsere Spezies die Höhen des humanen Daseins erklommen, ging es auch schon wieder bergab, denn gerade hatte der Mensch den aufrechten Gang erworben, schon verlor er die Aufrichtigkeit. Mit der Mensch-Werdung entstand auch die Lüge, mit dem Mensch-Sein ist sie bis heute ein untrennbarer Teil von uns. Die moderne Verhaltensforschung singt der Lüge ein Lob, hat doch das Lügen einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der menschlichen Intelligenz beigesteuert. Als Vorteils-Strategie aus dem Tierreich bewahrt, wird sie nun in evolutionärer Gewandtheit gekonnt an jedermann ausprobiert und überall zum eigenen Vorteil genutzt. Längst ist die Vorstellung überholt, daß die Natur des Menschen durch seine kulturelle Entwicklung soweit deformiert wurde, daß nun auch der Hang zur Täuschung als negative Begleiterscheinung der zivilisatorischen Entwicklung in Kauf genommen werden muß. Das Gegenteil ist der Fall: Ohne die Lüge würde es uns Menschen wahrscheinlich nicht geben, zumindest nicht so, wie wir heute sind.

------------------------------------

Im dritten Band seiner Trilogie über das Allzumenschliche geht Harald Specht auf die „Geschichte(n) der Lüge“ ein und beleuchtet in zehn Kapiteln viel Amüsantes und Skandalöses, aber auch sehr viel Ernstzunehmendes. Ausgehend vom biblischen 8. Gebot.

Schlichten Gemütern wird ja von Theologen seit Generationen eingetrichtert, dieses Gebot laute „Du sollst nicht lügen“, auch um zu begründen, daß einzig die christliche Kirche für Moral und Ethik stehe. Dabei lautet der biblische Text ins Deutsche übersetzt: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“, was doch etwas ganz anderes ist als ein generelles Lügenverbot. Es ist hier also nicht anders als mit dem 5. Gebot, das angeblich so laute: „Du sollst nicht töten“, während es im Original ganz konkret heißt: „Du sollst nicht morden“ (innerhalb der eigenen Gruppe). Das Töten von Feinden ist dagegen für die biblischen Autoren etwas ganz normales und sogar „gottgewolltes“. Also, schon diese angeblich göttlichen Gebote sind nur Lug und Trug... (siehe S. 22 ff)

Das ins Thema einführende erste Kapitel ist überschrieben mit „Schwierigkeiten über Schwierigkeiten – Von leuchtenden Mäusen, Statistikern und anderen Tätern“ und bietet eine Fülle von Beispielen über die alltäglichen Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Dem schließt sich das zweite Kapitel „Warum Gottes Geschöpfe lügen“ an. Specht schlußfolgert – als Naturwissenschaftler, daß zum Überleben-wollen unbedingt Lüge, List und Täuschung gehören würden. Er geht auf Strategien des Lügens ein und stellt sogar zehn Regeln für perfektes Lügen auf. Nicht unbedingt ernst gemeint, sondern eher satirisch. Naja, es geht doch um Moral und Ethik. Also ist Specht zufolge nicht so sehr das Lügen entscheidend, sondern die Frage, wie man Lügner erkennen könne. Siehe Kapitel drei „Und wie wir lügen“, das deshalb logischerweise auch mit zehn Regeln, um das Lügen zu entlarven, schließt.

Im sechsten Kapitel geht es um „Besondere Formen der Lüge“, wie Glaube, Glauben und Aberglauben, die Notlüge, das Gerücht, Halbwahrheiten oder Heucheleien. Ganz besondere Formen der Lüge werden anhand konkreter Beispiele aus Geschichte und Gegenwart im siebenten Kapitel „Lüge und Wahrhaftigkeit – ein kompliziertes Paar der Doppelmoral“ vorgestellt, insbesondere die Verleumdung im Großen wie im Kleinen. Mit tragischen Folgen für den einzelnen Menschen ebenso wie für ganze soziale Gruppen.

Vergnüglicher wird’s im achten Kapitel „Tarnen, Tricksen, Täuschen: Lug und Trug in der Historie“. Hier erzählt Specht nicht nur Geschichte, sondern vor allem viele Geschichten, Geschichtchen und Anekdoten. Einige Stichworte mögen hierfür genügen: Falschmünzer und Münzfälscher, Dokumentenfälscher, Hochstapler, „Halsbandaffaire“, Wundertäter, Alchimisten, Kunstfälscher oder die Kujau'schen „Hitler-Tagebücher“.

Für den Rezensenten stellen jedoch die Kapitel 5 und 9 die wichtigsten Teile dieses Specht-Buches dar. Denn im fünften Kapitel wendet er sich textanalytisch dem „Heillosen Lügen in der Heiligen Schrift“ zu. Diese nur knapp 30 Seiten lange Abhandlung hat es in sich. Nicht nur bezüglich des sogenannten Alten Testamentes (Abraham und seine gottverheißene Nachkommenschaft, Lügenstories in der Bibel), sondern auch sehr dezidiert bezüglich des sogenannten Neuen Testaments und dessen frommer Jesus-Legenden. Specht geht gerade bei letzteren auf Unstimmigkeiten und deutlich sichtbare Widersprüche in den Evangelien ein. Er spricht an, daß es für die Existenz solcher biblischen Figuren, wie Abraham, Moses, David, Salomo oder Jesus keinerlei Belege gibt, daß diese Figuren – so wie in den biblischen „Geschichten“ dargestellt – nie gelebt haben... So wie andere legendäre, mythische Gestalten in anderen Kulturkreisen auch.

Was nun meint und empfiehlt Harald Specht nach seinem Streifzug durch Judentum und frühes Christentum mit Blick auf das heute?

„Mag sich der Leser selbst eine Meinung bilden, inwieweit Wahrheit und Unwahrheit, Lüge und Wahrhaftigkeit, Mythos und Historie in den Geschichte(n) der Geschichte um JESUS Christus nun zusammenfließen. Mag auch jeder selbst entscheiden, ob und wo er dabei Glauben oder Aberglauben sieht, Wahrheiten oder „Falsch Zeugnisse“ findet oder er der Täuschung oder Selbsttäuschung unterliegt. (…) Die Liebe zur Wahrheit war nicht originär christlich, wie viele Andersdenkende vor und neben der Christenheit bekundet haben. (…) Bleiben Sie also skeptisch, vor allem gegenüber denjenigen Verkündern, die glauben, die einzige Wahrheit gefunden zu haben.“ (S. 163-164)

Nach vielem Heiteren, Skurrilen und Amüsanten in Kapitel 8 ist es für Specht ein MUSS auf „Die Lüge zwischen Unterhaltung, Skandal und Propaganda“ einzugehen. Auch wenn der erste Teil der Überschrift „Die Pinocchio-Gesellschaft“ darauf noch nicht schließen ist. Hier schreibt der Autor nach dem Stichwort „Münchhausen“ voller Bitterkeit über Reales aus der Jetzt-Zeit, wie mittels raffinierter Propaganda – einem Mix aus etwas Wahrheit, einigen Unwahrheiten und sehr, sehr vielen Halbwahrheiten – die Menschen (vor allem die eigenen Staatsbürger) so manipuliert werden, daß sie Aggressionskriegen (verlogen in „humanitäre Interventionen zum Schutz der Menschenrechte“ umgetauft) keinen Widerstand mehr entgegensetzen und diese sogar mittragen.

Specht schrieb sein Buch bereits im Jahre 2005/2006, als Bush jr. als US-Präsident amtierte. Daß es zehn Jahre später unter einem friedensnobelpreistragenden Präsidenten Obama (und seiner zeitweiligen Außenministerin Clinton) noch viel, viel schlimmer kommen sollte, das konnte er wohl in seinen ärgsten Träumen nicht ahnen.

Man lese hierzu vor allem den Abschnitt „Von weißen und schwarzen Worten – Lügenmittel Sprache“. Kreiert von US-Werbefachleuten und -Politikern als Lehre aus dem verlorenen Vietnamkrieg und dem Wirken der weltweiten und einheimischen Friedensbewegung. Specht benennt hier explizit die raffiniert fabrizierten (gutmenschelnden) TV-Stories, die zur Begründung der US-Kriege gegen den Irak oder gegen Jugoslawien herhalten mußten: „Die Medien wurden dabei vom Beobachter, vom Kriegsberichterstatter zum Propaganda-Instrument. Und je nach politischer Windrichtung berichtet man daher einmal von 'Rebellen' und 'Aufständischen' und ein andermal von 'Terroristen', sprechen die 'News' hier von 'Friedenseinheiten', was anderswo 'Kampftruppen' sind. Spürbar werden diese Nachrichten dann selbst zum Element der Lüge, Strategie und kriegerischen Auseinandersetzung.“ (S. 388 ff)

Specht geht aber auch auf Bundesdeutsches ein, so dem Ummünzen des einst positiv besetzten Begriffes „Reform“, auf Eigenverantwortung“ (was nichts anderes als Lohnkürzung beinhaltet) oder dem „Zusammenlegen sozialer Leistungen“ (was nichts anderes deren Kürzung bedeutet). Er bringt weitere Beispiele aus dem „Stammtisch-Vokabular“ der herrschenden Politik oder der „Qualitätsmedien“ (Soldatengottesdienst, Friedenstruppen, Gotteskrieger, Haßprediger): „Doch Stammtisch-Vokabular ist eben nicht auf den Stammtisch begrenzt, Politik und Medien produzieren täglich raffinierte Sprachschöpfungen, deren Ziel eher Verschleierung als Aufklärung sind.“ Konjunktur habe parallel dazu auch der religiöse Sprach-Eifer. (S. 380 ff).

Nach einer Auswahl diverser Kalendersprüche zu Wahrheit und Lüge folgt das sehr kurze zehnte Kapitel „(Keine üble) Nachrede mit der Bitte um Vorsicht“, in der Harald Specht dieses Fazit zieht: „Obwohl die Trilogie des Allzumenschlichen nicht Texte eines Predigers sind, wurde auch hier der Trick versucht, über 'Geschichten' etwas von 'Geschichte' und sogar von Philosophie und Weltsicht zu erzählen.“ (S. 432) – Und das ist ihm, das kann der Rezensent voll und ganz bestätigen, auch ausnehmend gut gelungen!

Ein weiterführendes Literaturverzeichnis rundet dieses Buch über die Lüge ab.