Jesus und die Frauen

Jesus und die Frauen

Das Liebesleben des Nazareners

Autor: Hubertus Mynarek

Verlag: Die Blaue Eule; Auflage: 2., unveränd. (12. März 2008)

Erstausgabe: 1995

200 Seiten

Rezension von Gerd Ratibor (Kellemann-Stiftung)

Dieses Buch ist Dynamit. Es hat schon in seiner ersten Auflage zu heftigen Polemiken und Kontroversen geführt. Namhafte Kirchenkritiker wie Prof. Franz Buggle, Autor des Bestsellers "Denn sie wissen nicht, was sie glauben", oder Prof. Horst Herrmann ("Die Kirche und unser Geld") hoben das Neue und Alternative von Mynareks Buch gegenüber allen theologischen Jesus-Publikationen hervor und rühmten an ihm ganz besonders, daß es "so fundiert und klar dem verbreiteten verkitschten Jesus-Bild (z.B. Franz Alt, Drewermann, Sölle) entgegentritt" (s. auch den dieser Nummer beigelegten Prospekt der Bücher Mynareks).

Mynarek begründet mit guten exegetischen und psychologischen Argumenten, daß zwei Grundpfeiler des christlichen Glaubens und der christlichen Jesus-Literatur zum Einsturz verurteilt sind, nämlich daß der Nazarener ohne Charakterfehler gewesen sei, und daß er über die sinnlich-erotisch-sexuelle Liebe erhaben war. Kirchenvertreter, christliche Theologen und Schriftsteller haben ja in vielen Jahrhunderten und heute wieder ganz intensiv – man denke an die Flut moderner Jesus-Bilder! – ein Unmaß an Arbeit geleistet, um Jesus nicht nur als Gott, sondern auch als den ethisch vollkommensten Menschen hinzustellen. In Bezug auf die Herausstellung seiner ganz einzigartigen, von keinem anderen Menschen erreichten oder erreichbaren sittlichen Vollkommenheit unterscheiden sich auch konservative, autoritär denkende Kirchenleute praktisch überhaupt nicht von sog. progressiven und kritischen Theologen. Das Lied vom größten, moralisch perfektesten Menschen aller Zeiten singen Wojtyla, Dyba und Meisner ganz ebenso wie Küng oder Drewermann.

Die Kirche ist katholisch, allumfassend, will das Evangelium allen Geschöpfen, aller Kreatur predigen, also muß auch ihr Jesus für alle Völker, Kulturen, Ideologien, Weltanschauungen, Zeit- und Modeströmungen der Richtige und Allerbeste sein. Also muß Jesus der Mensch für alle Menschen, »der Mensch für andere « (Dorothee Sölle) sein, obwohl der Jesus der Evangelien sich doch nur als »zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« empfand (Mt. 15,24). Und so ist denn Jesus, aus allen, aber auch allen möglichen Perspektiven betrachtet, der Perfekteste. Er ist der Größte, »befreiungstheologisch gesehen«, der Größte, »existenziell gesehen«, der Größte, »kosmisch gesehen«, der Größte, »therapeutisch gesehen«, der Größte, »solidarisch gesehen«, der Größte »ökologisch gesehen«, der Größte, »lateinamerikanisch«, »afrikanisch«, »asiatisch«, überhaupt »multikulturell«, gesehen, ja selbst der ungeheuer »Faszinierende«, wenn man ihn »islamisch«, »hinduistisch«, »marxistisch«, »rebellisch« und »philosophisch« betrachtet. Daß Jesus auch, »päpstlich gesehen«, der Vollkommenste ist, versteht sich von selbst.

Bei all den aufgeführten Blickwinkeln, unter denen Jesus als der Perfekteste hingestellt wird, fehlt für mindestens die Hälfte der Menschheit noch eine äußerst wichtige Perspektive: Jesus als der für die Frauen Größte, Wichtigste, Bedeutsamste, Liebevollste. Auch christliche Apologeten haben schon bemerkt, daß das heute bereits die wohl wichtigste Perspektive ist. Also schreibt der Journalist Franz Alt das Buch "Jesus – der neue Mann", in dem er Jesus als den hinstellt, der überhaupt nichts Machohaftes in seinem Charakter hatte, der ein der Antike völlig fremdes und fernes, ganz neues Verhältnis zu den Frauen lehrte und vorlebte, der das Wichtigste und Bedeutsamste für die Emanzipation der Frauen getan hat. Es ist ja auch völlig klar: Wenn die Kirchen nicht die Hälfte ihrer Mitglieder, d. h. die Frauen, ihre bisher treueste Truppe, verlieren wollen, dann müssen ihre Retter Jesus jetzt schnellstens als den großen Frauenemanzipator darstellen. Inzwischen hat der rührige katholische Apologet Franz Alt schon wieder ein neues Buch vorgelegt, in dem er Jesus trotz dessen zahlreicher anti-ökologischer Handlungen als größten Ökologen charakterisiert.

Dem engagiert und bekannt kritischen Eichborn Verlag in Frankfurt a. M., der die erste Auflage von Mynareks Buch herausbrachte, war aber diese heute die Öffentlichkeit beherrschende, unhistorische und textignorante Jesusschwärmerei zuviel des Guten bzw. Schlechten. Zu dem hier besprochenen Buch schreibt er u. a.: "Da die einschlägigen Meinungsführer offenbar vor lauter Begeisterung die vorhandenen Quellen nicht mehr im Zustande der Nüchternheit untersuchen können, hat sich Prof. Dr. Hubertus Mynarek der Aufgabe angenommen. Ohne ideologisch beschlagene Brille zeigt er den Jesus der kanonischen Texte – einen anderen gibt es nicht ... Wo sich politisch-religiöse Trendsetter gerade wieder ein passendes Jesusbildchen aussuchen und dabei historische Zusammenhänge ideologisch zurechtrücken, hält sich Mynarek an die verfügbaren Quellen und zeichnet ein fundiertes Portrait des Religionsstifters als Mann seiner Zeit".

Dabei leistet dem ehemaligen Ordinarius für Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Wien seine profunde Kenntnis der Geschichte der Religionen gute Dienste. Er zeigt überzeugend auf, daß Jesus, gemessen an der christlichen und kirchlichen Sittenlehre, geradezu ein unmoralischer Mensch war, daß er wie Moses, Mohammed, Zarathustra und andere Religionsstifter eine Grenznatur ist: »verrückt«, egozentrisch, narzißtisch, manisch-depressiv, paranoid.

Mynarek legt auch eine neue Interpretation und Deutung der Gleichnisse Jesu vor. Seine Analyse der Begegnungen Jesu mit Frauen zeigt diesen als Haupt einer Liebeskommune, in der er sich von den Frauen keineswegs nur finanziell aushalten ließ, sondern auch persönlich ein exorbitantes Liebesleben führte. Es scheint in Wirklichkeit nicht viel gegen Mynareks These zu sprechen, daß Maria aus Magdala die Hauptfrau Jesu gewesen sei. Aber der Autor zeigt auch ganz schlüssig aufgrund der Evangelientexte, daß es ohne diese Frau höchstwahrscheinlich gar kein Christentum gäbe, weil sie es war, die die ersten Visionen ihres Geliebten als des Auferstandenen hatte, weil sie die Auferstehung Jesu erfunden und als erste verkündet hat. Sie hat das nach Mynarek nicht in betrügerischer Absicht erfunden. Originalton des Autors: "Am Anfang des Christentums mit seinem Zentrum, dem Auferstehungsglauben, steht eine Frau! Eine liebende Frau. Denn nur eine Liebende vermag einen Toten auferstehen zu lassen, kann ihn sich so stark einbilden, daß er real vor ihr zu stehen scheint ... Es genügt die Unbedingtheit einer Frau, die liebt, um Maria Magdalenas Auferstehungshalluzination zu erklären."

Sehr interessant sind auch die Vergleiche des Religionswissenschaftlers Mynarek zwischen den Frauenbeziehungen Buddhas und Jesu. Buddha, ganz auf die Erreichung des körperlosen Nirwana konzentriert, habe die leibliche Vereinigung, die fleischliche Vermengung zwischen Jüngern und Jüngerinnen verhindern wollen, weil sie nur den permanenten Kreislauf der Wiedergeburten ankurbelt. Jesus aber will das gar nicht verhindern. Sie sollen Vater und Mutter radikal verlassen und "ein Fleisch werden" (Mk. 10,7). Mit sublimierender geistiger Liebe hat derlei nach Mynarek nichts zu tun. In Jesu "Neuer Gemeinschaft", in der nicht mehr die Moralgesetze der Welt herrschen, in die nur Leute eingelassen werden, die Ehe, Familie, Kinder etc. hinter sich gelassen haben, wird auch die paradiesische Liebe schon vorweggenommen.

Wenn jetzt der Rezensent das Buch Mynareks noch einmal Revue passieren läßt, möchte er vor allem dessen kreative Methode hervorheben, die derart viel an neuen Fragestellungen und Infragestellungen, Sichtweisen, Perspektiven und Problemen aus einem so altbekannten und üblicherweise kirchen-konform ausgelegten Buch wie der Bibel herausholt. Kritiker aus dem Raum der Kirche haben auf den nur hypothetischen Charakter mancher Ausführungen des Autors hingewiesen. Aber sie sollten sich bewußt machen, daß all das, was die Kirche dogmatisch über Jesus verkündet, wissenschaftstheoretisch und historisch-kritisch gesehen eine viel größere Hypothese ist, nämlich eine über Jesus systematisch falsch informierende Ideologie.