Ulrich Kutschera

Ulrich Kutschera (* 2. Februar 1955 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe. Er ist Professor am Institut für Biologie der Universität Kassel und arbeitet seit 2007 zusätzlich als Visiting Scientist in Stanford, Kalifornien, USA.

Interviews, Fachbücher und Medienauftritte sowie Aussagen zu wissenschaftstheoretischen Themen machten ihn auch außerhalb seiner akademischen Tätigkeit bekannt.

Karriere

Ulrich Kutschera studierte von 1975 bis 1981 Biologie und Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Diplomarbeit auf dem Gebiet der Zoologie/Evolutionsforschung wurde von Günther Osche betreut. 1985 wurde er mit einer pflanzenphysiologischen Dissertation promoviert (Gesamturteil: summa cum laude), für die er 1986 den Goedecke-Forschungspreis erhielt.

Von 1985 bis 1988 war er zu einem Forschungsaufenthalt als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung in den USA, an der Stanford University in Kalifornien (Department of Biological Sciences; Carnegie Institution) und an der Michigan State University (MSU-DOE Plant Research Laboratory). Während der beiden ersten Jahre arbeitete er als US-Postdoctoral Fellow und danach als Research Associate (mit Lehrauftrag). Ab 1988 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Botanischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. 1990 erfolgte seine Habilitation. 1992 wurde er auf die C4-Professur für Pflanzenphysiologie (Lehrstuhl) an die Universität Kassel berufen. 2001 wurde ihm zusätzlich das Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen. Im Februar 2007 erfolgte nach Gastvorträgen in den USA (u. a. Invited Speaker, AAAS Annual Meeting in San Francisco) die Ernennung zum Visiting Professor bzw. -Scientist (Carnegie Institution, Stanford, CA). Kutschera war von 2004 bis 2016 Mitglied im Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus und ist Autor zahlreicher Lehrbücher. Er arbeitet aktiv als ehemaliger Vizepräsident des Verbandes Deutscher Biologen (2004–2007) und Vorsitzender des Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie (seit 2002) gegen die Ausbreitung des Kreationismus und anderer Pseudowissenschaften.

Forschungsschwerpunkte und Kooperationen

Die Physiologie und Evolution verschiedener Organismen, d. h. Bakterien, Myxomyceten, Pflanzen, Ringelwürmer (Anneliden) und Wirbeltieren (z. B. Schlammspringer) stehen im Zentrum seiner Interessen. Kutschera beschäftigt sich auf dem Gebiet der Symbioseforschung mit epiphytischen Bakterien als Phytosymbionten. Spezialthemen auf diesem Gebiet sind beispielsweise die Co-Evolution des Systems Bakterium-Pflanze oder die Wachstumsregulation über prokaryotische Epiphyten (Methylobakterien). Die Biophysik des pflanzlichen Zellwachstums und die Proteom-Analytik in Bezug zu verschiedenen Phytohormonen sowie die Funktion der Polymere bei der turgorgetriebenen Primärwand-Extension stellen einen weiteren Schwerpunkt dar, wobei neben der Entwicklungs- auch die Stoffwechselphysiologie (z. B. Photosynthese, Metabolic Scaling) bearbeitet wird (Kooperation U. K. mit Zhi-Yong Wang, Joseph A. Berry und Winslow. R. Briggs in Stanford, CA, USA, seit 2007).

Kutschera forschte auf dem Gebiet der Phylogenese mehrzelliger Algen und Pflanzen sowie der Evolution, Systematik und Verhalten der Anneliden. Insbesondere bei der Klasse der Egel (Hirudinea) ist molekulare Phylogenetik und DNA-Barcoding eine wichtige Vertiefungsrichtung seiner Arbeit. Neben der phylogenetischen Analytik führte er in diesem Kontext auch zahlreiche ökologische Untersuchungen etwa zum Beuteverhalten der Egel durch und ist Entdecker und Erstbeschreiber mehrerer Arten, darunter des Europäischen Platt-Egels (Helobdella europaea), des Freiburger Bächle-Egels (Trocheta intermedia) und des im Golden Gate Park in San Francisco von ihm entdeckten Egels Helobdella californica.

Auf übergeordneter Ebene beschäftigt sich Kutschera mit Wissenschaftstheorie und Evolution, so etwa mit der Entwicklung der Theorie der biologischen Evolution zur Erweiterten Synthese und der Etablierung der Evolutionären Pflanzenphysiologie als Wissenschaftsdisziplin (Kooperation U. K. mit Karl J. Niklas, Cornell University, NY, USA, seit 2003). Weiterhin wurde von Kutschera die Evolutionsbiologie als Theoriensystem definiert und das Synade-Modell der Makroevolution formuliert – „Synade“ ist ein von Kutschera geprägtes Kunstwort für Symbiogenese, natürliche Selektion und dynamische Erde. 2013 wurde Kutschera in Anerkennung seiner „outstanding contributions to plant science“ zum Corresponding Member der Botanical Society of America (BSA) ernannt. 2014 wurde er Fellow der Linnean Society of London (F.L.S.). Im selben Jahr war Kutschera als Lecturer/wissenschaftlicher Projektplaner an der Chinese Academy of Agricultural Science (IPP-CAAS), Peking, China. Seit 2009 arbeitet er außerdem regelmäßig als Visiting Scientist an der University of California, Berkeley (Labor D.A. Weisblat). Ab 2015 ist er zudem als Gastwissenschaftler an den Universitäten Freiburg (Institut für Biologie II) und Jena tätig (Biologisch-Pharmazeutische Fakultät, Arbeitsgruppe Biologiedidaktik). Seit 2015 bzw. 2016 ist Kutschera ehrenamtlich als Scientific Advisor bei zwei US-Forschungsunternehmen, den Stanford Ausgründungen I-Cultiver, Inc. (Agriculture, Food, Health) in Livermore und der Systems Biology Group in Palo Alto, CA (USA), tätig.

Engagement gegen Kreationismus

Kutschera engagiert sich öffentlich gegen den Kreationismus, den er unter anderem bei den Aktivitäten der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen (Sg W+W) und den von ihnen unterstützten Bekenntnisschulen sieht und kritisiert. Er bemühte sich um eine Kampagne gegen deren staatliche Förderung. Für ihn sind die Naturwissenschaften „per Definition atheistisch“.

Seit 2002 ist Kutschera Vorsitzender des Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO). Dieser Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die an Universitäten die Phylogenese der Organismen erforschen oder biologiehistorisch-wissenschaftstheoretisch arbeiten, wurde im Oktober 2002 mit Unterstützung von Ernst Mayr auf dem Biologentag in Potsdam gegründet. Die Vereinigung wurde im alten Biologenverband (vdbiol) als AK etabliert, seit 2003 in AG Evolutionsbiologie umbenannt, und ab November 2009 im neugegründeten VBIO unter dem alten Namen neu aufgestellt. Bis 2010 war der AK als „Arbeitsgremium“ gelistet; 2011 wurde die Vereinigung unter der Rubrik „Wissenschaft & Gesellschaft/Thema: Evolution im VBiO“ weitergeführt, seit 2013 ist er Kooperationspartner des VBiO. Seit 2010 werden in dem Zusammenhang Lehr-Videos produziert, die zur Vermittlung der Erkenntnisse der Evolutionsforschung konzipiert sind und u. a. im Biologieunterricht eingesetzt werden können. Seit April 2015 arbeitet der AK Evolutionsbiologie mit der Richard Dawkins Foundation for Reason and Science zusammen. Dabei ist Kutschera als wissenschaftlicher Berater für die Richard Dawkins Foundation tätig.

Geistes- vs. Humanwissenschaft

Real- und Verbalwissenschaften

Kutschera unterscheidet zwischen „Realwissenschaften“ und „Verbalwissenschaften“ nach dem Vorbild der angelsächsisch geprägten Differenzierung zwischen Humanities und Sciences. Er brachte seine Vorstellung 2008 im Laborjournal mit Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie auf eine Formel. Mit seinem Bestreben nach einer „Einheit des Wissens“ auf Basis der Biologie begibt er sich, nach Alexander Kissler, auf „erkennbar fremdes [Forschungs-]Gebiet“. Kissler sieht eine 2004 durch Kutschera erfolgte Gegenüberstellung unter dem Titel „Methodischer Naturalismus und geistlose Evolutionsforschung“ im atheistischen Magazin Materialien und Informationen zur Zeit (MIZ) als „autobiographische Bekenntnisschrift“ Kutscheras, die „den Geist unter Generalverdacht“ stelle. Kutscheras Positionen zu wissenschaftstheoretischen Fragen werden unter dem Begriff Szientismus eingeordnet.

Darwinscher Feminismus und Humanbiologie

2014 befasste sich Kutschera in verschiedenen Publikationen (u. a. auf der Correspondence-Seite von Nature) mit dem „Darwin’schen Feminismus“, den er als Fehlinterpretation evolutionsbiologischer Befunde bezeichnete. Aus Diskussionen mit US-Vertreterinnen des „Darwinian Feminism“ erwuchs, kombiniert mit Kutscheras Egel/Hermaphroditen-Sex-Studien, sein Interesse an der soziologischen Geschlechterforschung. 2015 erregte Kutschera mit öffentlicher Kritik an der Genderforschung mediale Aufmerksamkeit. In einem Bericht zum AAAS-Kongress im kalifornischen San Jose, wo Kutschera als Invited Speaker auftrat, setzte er im April 2015 den „Genderismus in Europa“ mit dem (amerikanischen) Kreationismus in Beziehung. Der im Humanistischen Pressedienst (hpd) publizierte Artikel wurde nach einem Tag redaktionell zurückgezogen. Die FAZ nannte das eine Form von Zensur. Daraufhin veröffentlichte Kutschera seinen Beitrag im Internetforum medrum. In einem im Cicero erschienenen Portrait-Beitrag von Alexander Kissler fasste Kutschera seine Position zur Gender-„Ideologie“ zusammen. Im Februar 2016 veröffentlichte Kutschera das Buch Das Gender-Paradoxon, in dem er, im Zusammenhang mit der Darstellung humanbiologischer Fakten, seine Kritik an der Gender-„Ideologie“ ausführlich darlegt. Kutscheras Haltung zur Genderforschung führte im April 2016 dazu, dass ein geplanter Vortrag an der Philipps-Universität Marburg über die Grundlagen der Evolutionsbiologie für die Veranstaltungsreihe „Studium generale“ nicht zustande kam. Auf Veranlassung der Frauenbeauftragten der Universität hatte sich deren Präsidentin für eine Ausladung Kutscheras ausgesprochen. Laut Kutschera selbst kam er der Ausladung durch eine Absage zuvor, da er im Vorfeld erfahren hätte, dass Studentenvertreter beabsichtigten, die Veranstaltung zu stören. Der Fachbereichsrat der Marburger Biologie kritisierte die Begründung der empfohlenen Ausladung und äußerte seine Besorgnis darüber, dass die Universität Marburg „in der Öffentlichkeit unter den Verdacht der Zensur kritischer Positionen geraten ist“. Seit Juni 2016 verfasst Kutschera für die Huffington Post-Deutschland gesellschaftskritische Evobio-Beiträge. Im September 2016 fasste Kutschera seine im Gender-Paradoxon dargelegte Position zusammen und zog die folgende Schlussfolgerung: "Eine Humanwissenschaft ohne biologische Grundlage ist unsinnig".

Musik und Stanford-Radio

Weiterhin weist Kissler darauf hin, dass Kutschera auch als Musiker qualifiziert ist (Klavierunterricht ab dem 9. Lebensjahr; Nebenfach-Studium Harmonielehre am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Freiburg, 1981/82). Seit 2015 arbeitet er nebenberuflich als Studiomusiker, u. a. Aufnahme/Neuproduktion eigener Piano/Synthesizer-Kompositionen. Kutscheras Musik wurde u. a. von Gray R. Lemco (Classical Music Guide) positiv rezensiert und ist im Programm von KZSU-Stanford Radio (Bay Area, CA-USA) vertreten.

(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.org

Ulrich Kutschera auf WHOISHU

Webseite: www.evolutionsbiologen.de

Motto: „Biologisches Wissen befreit den Menschen aus dem Würgegriff unvernünftiger Glaubens-Verirrungen.“ (U. Kutschera: Physiologie der Pflanzen. Berlin 2019, S. 7).


Ausgewählte Bücher