Necla Kelek

Necla Kelek (* 31. Dezember 1957 in Istanbul, Türkei) ist eine deutsche Soziologin und Publizistin tscherkessischer Abstammung. Mit vielen aktuellen publizistischen Beiträgen und ihren Büchern „Die fremde Braut“, „Die verlorenen Söhne“, „Bittersüße Heimat“ und „Himmelsreise“ prägt sie die Debatte um Integration und den Islam in Deutschland nachhaltig bis heute. Sie engagiert sich als profilierte Frauenrechtlerin im Vorstand von Terre des Femmes. Sie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, so etwa 2005 mit dem Geschwister-Scholl-Preis und 2011 mit dem Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Familie

Necla Kelek wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in Kadiköy auf, einem Viertel auf der asiatischen Seite von Istanbul. Zu dieser Zeit galt die von Kemal Atatürk eingeführte Trennung von Staat und Religion sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Weder der Staat noch die Gesellschaft in Istanbul legten Wert auf eine religiöse islamische Lebensführung. Keleks Familie lebte fernab von religiösen Normen und Vorschriften.

Ihre Familiengeschichte schildert Kelek in dem Buch Die fremde Braut. Ihre Familie, die in Istanbul einen westlich-säkularen Lebensstil pflegte, gehörte in der Türkei zur türkisch-tscherkessischen Minderheit. Ihre Kindheit beschreibt sie als unbeschwert, in der Schule habe sie zu den Klassenbesten gehört. 1964 ging der Vater für ein Jahr nach Wien, um dort zu arbeiten, danach nach Deutschland. 1966 holte er seine Familie nach. Der Vater hatte zunehmend Schwierigkeiten mit dem Freiheitswillen seiner Kinder, besonders seiner Töchter, und verließ 1973 letztendlich die Familie.

Seit 1994 besitzt Kelek die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie lebt mit ihrem Lebenspartner und ihrem Sohn in Berlin.

Wissenschaftliche Laufbahn und Tätigkeiten

Kelek absolvierte zunächst eine Ausbildung als technische Zeichnerin. Auf dem zweiten Bildungsweg erlangte sie die Hochschulreife und nahm zunächst ab 1979 ein Studium der Volkswirtschaft an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik auf, um danach ab 1984 Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg zu studieren. 2001 wurde sie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald sowie an der Universität Hamburg mit einer Untersuchung über Islamische Religiosität und ihre Bedeutung in der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern türkischer Herkunft zum Dr. Phil. promoviert. Von 1999 bis 2004 war sie Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie in Hamburg. Sie arbeitet, neben ihrer Tätigkeit als Buchautorin, als freie Publizistin unter anderem für Die Welt, EMMA und als Gastautorin für die Mainzer Allgemeine Zeitung, die Speakers Corner der Funke Mediengruppe, die Neue Zürcher Zeitung und für weitere Medienhäuser.

Sie beriet die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener und die baden-württembergische Landesregierung zum Thema türkische Sitten und Gebräuche sowie bei ihrer Gesetzesinitiative, Zwangsheirat als eigenständigen Straftatbestand zu formulieren statt als besonders schweren Fall der Nötigung. Von 2005 bis 2009 war sie Mitglied der von der Bundesregierung berufenen jährlichen Islam-Konferenz. Bis 16. Mai 2007 gehörte sie dem wissenschaftlichen Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an. Sie ist seit 2009 Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung. Seit 2009 ist Kelek Kuratoriumsmitglied der „Hildegard-von-Bingen-Preis“-Stiftung. 2012 wurde sie aktives Mitglied bei Terre des femmes (TdF) und arbeitet hier seit 2014 mit im Vorstand. Seit 2012 betreut sie ein Kooperationsprojekt des Vereins im Südosten der Türkei, das sich gegen Gewalt im Namen der Ehre und gegen Zwangsheirat richtet.

Nachdem Kelek 2017 in einem Radiointerview mit dem Deutschlandfunk u. a. erklärt hatte, der islamischen Ahmadiyya-Gemeinschaft den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu gewähren sei eine „Fehlentscheidung“, die Gemeinde agiere „wie eine Sekte“, sie nutze ihren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts, um „eine politische Agenda“ durchzusetzen, und sei in ihrer religiösen Praxis „nicht transparent“, erhob die Ahmadiyya-Gemeinde Klage gegen Kelek beim Landgericht Frankfurt/M. Ende Februar 2019 wurde die Klage gegen Kelek in erster Instanz in wesentlichen Punkten vom Landgericht Frankfurt abgewiesen.

Buchveröffentlichungen und Rezeption

Die fremde Braut

In ihrem Sachbuch Die fremde Braut (2005) schilderte Kelek eigene Erfahrungen, recherchierte Lebensgeschichten türkischer Frauen und verglich diese mit Resultaten wissenschaftlicher Untersuchungen. Ihr Resümee war, dass türkische Tradition und islamische Religiosität ein Hindernis für Integration sein können. Ihrem Buch zufolge werden viele in Deutschland geborene Jugendliche in der Ablösungsphase von ihren Eltern mit einer Braut oder einem Bräutigam im Herkunftsort in der Türkei verheiratet und diese dann nach Deutschland geholt. So werde die Integration in Deutschland bewusst erschwert. Dies macht Kelek am Beispiel der „Import-Braut“ (türkisch: ithal gelin) fest, der aus der Türkei geholten, für eine arrangierte Ehe nach Deutschland migrierten Frau, die dort keinerlei Voraussetzung für eine Einbindung in die deutsche Gesellschaft besitze. Zur Beschreibung dieses Sachverhalts wertete sie Interviews mit betroffenen Frauen aus, die ihr ihre Lebensgeschichten erzählten.

Das Buch wurde zu einem Bestseller und im Allgemeinen auch von der Kritik gelobt. Die Emotionalität des Buches wurde von vielen Rezensenten als Stärke empfunden. Gleichzeitig monierte man jedoch pauschalisierende Urteile über die gesamte Bevölkerungsgruppe der türkischen Muslime. Nach Ansicht des Journalisten Patrick Bahners kann die fehlende Differenzierung leicht den Eindruck „einer gefährlichen Masse im Bann eines archaischen Gruppendenkens“ suggerieren. Ein Beispiel für eine Rezension, die Lob und Kritik in dieser Weise mischt, ist die von Alexandra Senfft in der FAZ vom 31. Mai 2005.

Für Die fremde Braut erhielt Kelek den renommierten Geschwister-Scholl-Preis. Die Laudatio hielt Heribert Prantl. Patrick Bahners zufolge habe Prantl Kelek „eine rhetorische Strategie der Übertreibung“ zugutegehalten. Sie habe sich zum Organ ihrer Mutter und aller türkischen Frauen gemacht, deren Schreie überhört worden seien. Um die Öffentlichkeit aufzurütteln, habe sie mit Verallgemeinerungen argumentiert. Prantl sah die Preiswürdigkeit des Buches in der Einheit von Leben und Werk: Sie habe mit dem Islam abgerechnet, wie sie ihn erlebt und erlitten habe.

Die verlorenen Söhne

In ihrer Publikation Die verlorenen Söhne (2006) thematisierte Kelek den Einfluss des Islam auf die Kleinfamilie. Das Buch basiert auf einem Forschungsprojekt Keleks zum Thema Parallelgesellschaft an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg. Auch hier fügte Kelek biografische Details, Beobachtungen, Gespräche mit türkischen Rentnern und die nichtrepräsentativen Ergebnisse aus Interviews mit türkischen Inhaftierten zusammen.

Positionen

Kelek bekennt sich ausdrücklich nicht zum Islam als Religion und lehnt die Bezeichnung Muslima für sich ab. Sie sieht den Islam „als Kulturkreis“, zu dem sie gehöre, und sich selbst in erster Linie als deutsche Staatsbürgerin. Nicht der gegenwärtige, in seiner Ausprägung auf das 11. Jahrhundert zurückgehende, „rigide und reaktionäre“ Islam gehöre zu Deutschland, wohl aber die hier lebenden Muslime. Nur in Europa sei eine Entwicklung des Islam und ein historisierender Umgang mit dem Koran möglich.

Keleks Hauptthema ist „die islamisch geprägte Parallelgesellschaft in Deutschland“. Sie lehnt eine Duldung einer nichtemanzipatorischen Erziehung von Mädchen, aber auch von Jungen, in traditionalistischen muslimischen Familien als „falsch verstandene Toleranz“ ab.

Kelek gibt häufig Interviews und nimmt politisch Stellung, oft in zugespitzter Form. So plädierte sie etwa in der taz vom 16. Januar 2006 für den umstrittenen Einbürgerungstest der baden-württembergischen Landesregierung, den sie als „Pascha-Test“ bezeichnete. Zu der 2004 von Familienministerin Renate Schmidt vorgelegten Studie über Gewalt gegen Frauen in Deutschland äußerte sie: „Nach Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums wird mindestens jede zweite türkische Frau auf die geschilderte Weise verheiratet. Es handelt sich also in jedem Jahr um mehrere tausend Fälle.“ Die Studie deckt Keleks zahlenmäßige Schätzung allerdings nicht.

Kelek stellte sich hinter die Bedenken Ralph Giordanos gegen den Bau der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Sie führte u. a. aus, dass in vielen Moscheen in Deutschland ein Islam praktiziert werde, der sich als ein Hindernis für die Integration erweise. Diese Moscheen seien Keimzellen einer Gegengesellschaft. Dort werde das Weltbild einer anderen Gesellschaft gelehrt und ein Leben im Sinne der Scharia praktiziert. Schon Kinder würden dort die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft lernen.

Kelek erklärte 2010 in einem Interview, dass der Islam ein Menschenbild konstruiere, das den Menschen und insbesondere den Männern die Fähigkeit abspreche, ihre Sexualität und eine betonte Triebhaftigkeit zu kontrollieren. Dieses Menschenbild sei Folge einer entsprechenden Erziehung. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor warf Kelek vor, mit ihren zugespitzten Äußerungen zu dem Thema „den Boden einer seriösen, geschweige denn wissenschaftlich fundierten Islamkritik längst verlassen“ zu haben. Das von Kaddor ebendort angeführte Zitat Keleks erwies sich allerdings als nicht wortgenau. Da Kaddor ihre Vorwürfe trotz mehrfacher Aufforderung Keleks nicht zurücknahm, erhob diese im Mai 2018 hiergegen Unterlassungsklage. Im Dezember 2018 verurteilte das Landgericht Berlin Kaddor zur Unterlassung der Vorwürfe gegenüber Kelek. In der Verhandlung sagte der Richter, die Äußerungen Keleks seien einfach zu verstehen und beziehen sich keineswegs pauschal auf muslimische Männer.

In der Auseinandersetzung mit islamischen Fundamentalisten fordert Kelek einen „historisch-kritischen Umgang mit den überlieferten Schriften“, da andernfalls die „friedliebenden Muslime … den Fundamentalisten so lange argumentativ hilflos gegenüberstehen, solange sie nicht bereit sind, auch den Koran als historischen und zu hinterfragenden Text und den Zweifel als legitim zu betrachten“. Ergänzend verweist sie auf die nach ihrer Ansicht dringende Notwendigkeit, dass sich „wir Muslime“ mit dem Islamismus als Teil des Islams auseinandersetzen müssen: „Denn so, wie die Nazis zu Deutschland gehörten, gehören die Terroristen zur Umma, ist der Islamismus Teil des Islam.“

Kelek beschäftigte sich bereits mit der Beschneidung von Jungen in Die verlorenen Söhne und lehnt diese ab. Seit November 2017 tritt sie daher als „Botschafterin“ des Vereins intaktiv e.V. auf.

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(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.org


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