Sex und Folter in der Kirche

Sex und Folter in der Kirche

2000 Jahre Folter im Namen Gottes

Autor: Horst Herrmann

Herausgeber: Bassermann

Erschienen: (1998) 2009

Klappentext

Das Standardwerk über die dunklen Seiten des christlichen Glaubens
Der renommierte Kirchenkritiker und Religionssoziologe Horst Herrmann zeigt die Anfälligkeit der christlichen Kirchen für Barbarei und ihre Mitverantwortung für grausame Verbrechen, begangen von Christen im Namen Gottes.

Handfeste Gründe sprechen dafür, dass dies keine Fehlleistungen einzelner Sadisten, sondern Konsequenzen einer bestimmten Theologie sind. Folterer werden nicht geboren, sondern gemacht.
Die strenge Morallehre der Kirche trug ein Wesentliches dazu bei. Sie leitete das natürliche Verlangen nach Sexualität um in die Lust an erbarmungslosen Hexenjagden, bestialischen Martern und kaltblütigen Hinrichtungen. Auch wenn heute - zumindest offiziell - die Kirche nicht mehr foltert, so beweisen unzählige aktuelle Berichte, dass sich immer noch Tausende von Christen als Folterer betätigen - wie über viele Jahrhunderte hinweg ihre gläubigen Vorgänger. Die nach wie vor unterdrückte Sexualität und die jüngsten Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche beweisen die ungebrochene Aktualität dieses Werks.

Zusammenfassung

Horst Herrmann, der international anerkannte Religionssoziologe, zeigt die dunkle Seite des christlichen Glaubens: die Anfälligkeit vieler in der Kirche für Barbarei und Folter. Die strenge Morallehre der Kirche leitete das natürliche Verlangen nach Sexualität um in die Lust an Hexenjagden, Martern und dunklen Obsessionen. Nicht zufällig treten nur Männer am Schreibpult wie in der Folterkammer auf den Plan. Frauen sind ausschließlich auf Seiten der Opfer zu finden.
Ein noch imer erschreckend aktuelles Buch.

Leseprobe

Sie sprachen vom Jüngsten Gericht? Gestatten Sie mir ein respektvolles Lachen! Ich erwarte es furchtlos: ich habe das Schlimmste erfahren, und das ist das Gericht der Menschen. Bei ihnen gibt es keine mildernden Umstände, sogar die gute Absicht wird als Verbrechen angekreidet ... Ich will Ihnen ein großes Geheimnis verraten, mein Lieber. Warten Sie nicht auf das Jüngste Gericht: es findet alle Tage statt.

(Albert Camus)

Das Wahre und Echte würde leichter in der Welt Raum gewinnen, wenn nicht die, welche unfähig sind, es hervorzubringen, zugleich verschworen wären, es nicht aufkommen zu lassen.

(Arthur Schopenhauer)

Die Farbe Rot? Das Buch, das Sie soeben in die Hand nahmen, müßte eigentlich, Seite um Seite, tiefrot sein. Die für Druck-Erzeugnisse ungewöhnliche Farbe hat nicht nur mit der Erkenntnis unserer Schande zu tun.

Auch nicht mit der Scham, die sich bei einigen einstellt, sobald sie sich über die Serien von ungeheuren Verbrechen informieren, die Menschen gegen Menschen begingen und begehen -wegen eines angeblich wahren Menschseins oder gar um eines lieben Gottes willen.

Jedenfalls aus jenen guten Gründen, wie sie alle finden, die ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen.
Immer wieder, immer noch finden sich Jünger, Anhänger von Religionen, die über ihrem Ziel, angeblich dem Heil der Menschheit, den einzelnen Menschen aus dem Blick verlieren. Sie sind, um der Menschheit willen, wie sie vorgeben, andere Menschen zu opfern fähig und bereit.

Religion? Wer denen auf den Leim geht, die ausposaunen, sie habe ausgedient, täuscht sich. Zwar braucht niemand an der Vorstellung festzuhalten, Religion sei eine Uranlage des Menschen. Doch darf der Einfluß der Religion nicht auf die Vergangenheit beschränkt werden. Eine intensive Tradition "in den Seelen" lebt unter uns fort; es wäre verhängnisvoll, sie zu unterschätzen.

Menachem Friedman, Soziologe und Anthropologe an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, nannte Religion soeben "ein zentrales Thema unseres modernen Lebens".

Tote Kirchen, auflebende Religion

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele der Ansicht, das Zeitalter der Religionen sei zu Ende. Immerhin boten sich wichtiger denn je gewordene Alternativen: der Rationalismus, der Sozialismus. Sind aber, fragt Friedman, nicht beide vor unseren Augen gescheitert? Auch der Rationalismus, der sein Versprechen nicht einlösen konnte, "allen alles verständlich" zu machen?
Religion dagegen, deren ursprüngliche Erfahrung von Schrecken begleitet ist, darf in tausend Gewändern, in abertausend Verhüllungen auftreten. Ihre Propheten, die sich gegenseitig falsch heißen, mögen sich in noch so viele Schafspelze kleiden (Mt. 7,15) - religiöse Erwartungshaltungen sind nicht abzulegen. Der entsprechende Blick nach oben, unten, innen blieb üblich. Kirchenaustritte täuschen über die Lage hinweg: Religion, oft ein diffuses Gemenge der in jeder Generation auftretenden Sinn-, Orientierungs- und Heilserwartungen, bleibt in. Während dem Rationalismus bereits Versagen vorgehalten wird und Aufklärung wieder als suspekt gilt, darf Religion fröhlich weiterwirken. Der spirituelle Markt ist noch lange nicht gesättigt.

Kein Wunder, daß Dutzende von New-Age-Kongressen und -Seminaren rings um den Erdball die neuen Dogmen des Herzens, des Mutterschoßes, der überfließenden Sensitivität, der umfassenden Verschwisterung, der kumpelhaften Duz-Brüderschaft und -Schwesternschaft enthusiastisch feiern. Ein Blick auf die ekstatisch geöffneten Augen, die bereitwilligen Gesichter der gegenwärtig Erwählten sagt alles. Es scheint sogar, als sei die masochistische Bereitschaft solcher Menschen, sich als Opfer zu fühlen, ebenso wie ihre Zahlungswilligkeit um so größer, je unsinniger, "unverkopfter" die fundamentale These des jeweiligen Gurus ausfällt. Ketzerische Gedanken sind im Vergleich mit dem seltsam Entzückenden, Sinnberückenden, Berauschten nicht gefragt.

Die Kirchen, Großorganisationen des herkömmlichen Christentums, sind schockiert, weil sie die frischen Wasser der religiösen und pseudoreligiösen Energien nicht auf ihre Gottesmühlen zu leiten vermögen. Doch sie sind zu schwach, auch nur einen bescheidenen Anteil an der gegenwärtigen Glaubensrenaissance zu beanspruchen. Ihre Geschichte ist entlarvt, ihre Glaubwürdigkeit litt schwersten Schaden. Ihre geistlos verwalteten Strukturen lassen keine Rettung des Feuers zu; dieses brennt anderswo.

Es wirkt nur noch komisch, wenn Kirchenvertreter, denen in letzter Zeit die Menschen in Scharen davonlaufen, vom neuen Aufbruch des Glaubens in den Seelen sprechen und dabei ausgerechnet an ihresgleichen denken. Sie haben keinen Grund, die Entwicklung anzuprangern. Die christlichen Kirchen haben die Vernunft nicht gepachtet, auch wenn Sektenbeauftragte, die neuen Inquisitoren, dies vorgeben: Der christliche Glaube verlangt nicht weniger, sondern mehr irrationalen Glauben, als manche "Sekte" einzufordern wagt.

Erst recht nicht dürfen jene Großkirchen, die nicht nur acht Milliarden Euro Kirchensteuer pro Jahr einnehmen, sondern auch Subventionen in Milliardenhöhe für ihre Zwecke kassieren, auf die ungezügelte Spendenfreudigkeit von Sektenmitgliedern verweisen und bestimmte Sekten als "bloße Wirtschaftsunternehmen" charakterisieren: heuchlerisch, einen wesensmäßigen Zusammenhang von Glaube und Geld nur bei anderen anzunehmen und sich selbst auszunehmen. Freilich ist es ein erprobtes Prinzip, den Splitter im Auge anderer zu sehen und den Balken im eigenen zu übersehen (Mt. 7,3). Doch wer im Glashaus sitzt ...

Im übrigen erklärten uns die beiden größten nichtstaatlichen Grundbesitzer der Republik bis heute nicht, wie sie in den Besitz ihrer immensen Ländereien gelangten. Es ist bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen, daß bischöfliche Raubzüge und Raubkriege, klerikale Betrügereien größten Ausmaßes, oberhirtlich legitimierter Mord für den Gewinn verantwortlich zeichnen.

Auch die Folter hat ihren Anteil. Immerhin waren die erpreßten Opfer nicht selten vermögend; ihr Hab und Gut wurde nach Tortur, Geständnis, Hinrichtung zugunsten kirchlicher Oberen eingezogen. Noch ist unklar, was aus diesen Folter-Gewinnen wurde. Wieviel Besitz der heutigen Kirche mag sich diesem Dunkel verdanken? Doch fand sich ein Bischof, der auch nur am Rande einer Predigt auf solche Sachverhalte eingegangen wäre? Stellt sich ein Oberhirte überhaupt die Frage?