Gunnar Heinsohn

Gunnar Heinsohn (* 21. November 1943 in Gotenhafen) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe, emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen und freier Publizist. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch umstrittene Thesen zur Bevölkerungspolitik, Demographie und historischen Chronologie bekannt.

Leben

Heinsohn ist der dritte Sohn von Roswitha Heinsohn und dem U-Boot-Kommandanten Heinrich Heinsohn (1910–1943), der im damals besetzten und als „Gotenhafen“ eingedeutschten Gdingen stationiert war. Er kam noch vor Gunnars Geburt bei der Versenkung seines U-Bootes U 438 ums Leben. Da seine verwitwete Mutter mit zwei älteren Brüdern sehr beschäftigt war, wurde er 18 Monate lang von der Kaschubin Irena Przytarska (1922–2005) aufgezogen, die er 1994 wieder ausfindig machen konnte. Nach der Flucht aus Westpreußen im November 1944 lebte Gunnar mit seiner Familie zunächst in Brodau (heute ein Ortsteil von Schashagen) an der Ostsee und danach in Pützchen bei Bonn. Dort besuchte er das Ernst-Kalkuhl-Gymnasium in Oberkassel, das Beethoven-Gymnasium in Bonn und das Nordsee-Gymnasium in Sankt Peter-Böhl, wo er von 1959 bis zum Abitur 1964 im Nordsee-Internat lebte.

Heinsohn studierte ab 1964 an der Freien Universität Berlin – nach einigen Semestern Jura – Publizistik, Soziologie, Psychologie, Geschichte und Wirtschaftswissenschaft sowie – Religionswissenschaft. 1971 erlangte er ein Diplom in Soziologie und wurde 1974 zum sozialwissenschaftlichen Dr. phil. promoviert. Von 1973 bis 2009 lehrte er an der Universität Bremen. Dort ließ er sich von Oktober 1976 bis März 1978 für einen Forschungsaufenthalt in den israelischen Kibbuzim (Admit, Hasorea und Yael) beurlauben, kehrte nach Berlin zurück und wurde 1982 in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Von 1982 bis 1993 verbrachte er jährlich mehrere Monate in Toronto, um dort in der Robarts Research Library zu schreiben. 1984 wurde Heinsohn als Professor für Sozialpädagogik an die Universität Bremen berufen. Ab 1993 war er Sprecher des von ihm gegründeten Instituts für vergleichende Völkermordforschung (Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung). Nach der Emeritierung im Jahr 2009 lebte er in Bremen und Danzig, seit 2017 wohnt er ausschließlich dort.

Heinsohn lehrt Eigentumsökonomie in den Masterkursen am Management Zentrum St. Gallen und am Institut für Finanzdienstleistungen Zug, einem der fünf Institute der Hochschule Luzern, sowie Kriegsdemographie an der Berliner Bundesakademie für Sicherheitspolitik und am NATO Defense College in Rom. Er publiziert regelmäßig Textbeiträge auf der Website Achse des Guten und im Autorenmagazin Schweizer Monat.

Tätigkeitsfelder und Resonanz

Viele der ungefähr 900 Heinsohn-Publikationen stießen in den Massenmedien auf starke Resonanz. So wurde Warum Auschwitz? im Februar 1995 unter den Sachbüchern des Monats von der Süddeutschen Zeitung und vom NDR auf den dritten Platz gewählt; Die Erschaffung der Götter kam 1997 auf den ersten Platz der Bestenliste der Gegenwart. Von den Fachwissenschaften wurden Heinsohns Publikationen häufig kritisch oder gar ablehnend zur Kenntnis genommen. Dies galt gelegentlich für sein ökonomisches Werk, besonders aber für seine Untersuchung zum Verhältnis von Hexenverfolgung und Demographie oder seine Infragestellung verschiedener Chronologien.

Ökonomie

Im Lexikon ökonomischer Werke, das 650 wegweisende Schriften von 460 Autoren aus der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft zusammenfasst, die seit der Antike publizierten, ist Heinsohn als einer von zwei lebenden Autoren deutscher Sprache mit drei Werken vertreten. In Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft (1984) ersetzte Heinsohn das gängige Tauschparadigma – Geld ersetzt den Tauschhandel – in den beiden letztgenannten Werken durch das Eigentumsparadigma des Wirtschaftens. Geld wird demnach nicht als Standardgut zur Erleichterung des Tausches anderer Güter (Tauschmittel) gesehen, sondern als Forderung gegen die nicht-physische Eigentumsseite des Vermögens der Emissionsbank. Geld sei mithin kein Gut zur Erleichterung des Tausches anderer Güter, sondern ein Anspruch auf Eigentum, bei dessen Belastung für das Wertvollmachen des Geldes sein Emitteur keinerlei Güter verleihe. Diese gehören demnach zur Besitzseite seines Vermögens, die er ungestört weiter für sich nutzt. Zur Entstehung des Geldes heißt es in Eigentum, Zins und Geld (zusammen mit Otto Steiger, 1996):

    „Geld ist erfunden, sobald ein Eigentümer Ansprüche gegen sein Eigentum einem anderen Eigentümer kreditiert, wofür dieser Zins und Tilgung verspricht sowie einen Teil seines Eigentums verpfändet.“

Mit der Erklärung des Geldes aus etwas Unkörperlichem (Eigentum) statt aus physischen Gütern (Besitz) wird nach Ansicht Heinsohns auch der Zins als ein Haupträtsel der Wirtschaftswissenschaft lösbar; denn „die Frage, warum es Zinsen gibt, hat die Ökonomie bis heute nicht gelöst“ (Binswanger). Da der geldschaffende Gläubiger keine Güter aus der Besitzseite seines Vermögens verleihe, sondern Geld als Anspruch gegen dessen Eigentumsseite schöpfe, könne er beim Ausleihen auch keinen Verlust an Gütern erleiden. Der Schuldner erhalte also keinerlei Güter (Sachen), die er für das Erzeugen zusätzlicher Güter einsetzen kann, von denen er einen Teil als „Güterzins“ an den Gläubiger abführen müsse. Der zinsgebärende Verlust bestehe vielmehr im Verlust an Freiheit über das Eigentum, das während des Kreditzeitraums für die Besicherung des Geldes blockiert werden müsse. Erst nach Tilgung der Schuld sei das Eigentum wieder unbelastet und könne dann von neuem für die Besicherung von Geld aktiviert werden.

Diese Fähigkeit zur Aktivierung unbelasteten Eigentums für die Besicherung von Geld (durch Gläubiger) und für die Besicherung des Kreditvertrags, über den es an den Schuldner gelangt, der dafür Eigentum in Höhe der Summe aus Zins und Tilgung verpfänden muss, bezeichnen Heinsohn und Steiger als Eigentumsprämie, die selbst etwas Unkörperliches sei. Bei ihrer Aufgabe während des Kreditzeitraums der Gläubiger Zins und sein Schuldner Kredit. In Privateigentum, Patriarchat und Geldwirtschaft verdeutlichte Heinsohn seine Auffassung vom Zusammenhang von Produktivitätssteigerung und Profit einerseits, Akkumulation und gesellschaftlicher Ungleichheit zum anderen:

    „Die Erbringung der in der Zinsforderung an den Schuldner gestellten zusätzlichen Eigentumsforderung erzwingt die Produktion von mehr Eigentum als durch den Kreditvertrag zeitweilig in seinen Besitz gelangt ist. Die aus der Liquiditätsprämie auf Eigentum resultierende Zinsforderung erzwingt mithin einen Überschuß in der Produktion – den Profit. Dieser zinsgeborene Profit ist es, der die für die Eigentumswirtschaft typische Akkumulation möglich macht.“

Zwischen 1997 und 2003 kritisierten Heinsohn und Steiger (1938–2008) in etwa dreißig Aufsätzen die Einführung des Euros, weil eine Einheitswährung nur bei gleicher Qualität der Eigenkapitale der nationalen Zentralbanken und bei identischen Sicherheitsanforderungen an das von ihnen akzeptierte Kollateral der Geschäftsbanken funktionieren könne. Beide Bedingungen seien unerfüllt geblieben. Geld, das aus dem Nichts entstehe, hatten Heinsohn und Steiger bereits 1996 als „Willkürgeld“ bezeichnet. Auch änderten „Schwankungen des Wertes der Sicherheiten“ nichts daran, „daß dennoch belast- und verpfändbares Eigentum die Basis für die Geld- wie für die Kreditschöpfung darstellt“.

Hier setzte die Kritik von Bernd Senf an, denn damit war die Möglichkeit gegeben, von der Forderung nach Anbindung an Bodenbesitz abzuweichen, wenn auch mit gravierenden Folgen. „Man könnte diese Sicherung allenfalls als eine notwendige Bedingung für die Stabilität des Geldes formulieren, aber doch nicht als eine Beschreibung der Wirklichkeit“, schlussfolgerte er.

Nikolaus K. A. Läufer von der Universität Konstanz setzte sich 1998 in der knappen Schrift The Heinsohn-Steiger confusion on interest, money and property mit den Thesen der beiden Autoren auseinander. Im Sammelband Privateigentum und Geld. Kontroversen um den Ansatz von Heinsohn und Steiger von 1999 und 2012 bei Axel Paul finden sich ausführlichere Stellungnahmen zum Werk der beiden Autoren. In einer Veranstaltung des Jahres 2000 konfrontierte das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt die Kerngedanken aus Eigentum, Zins und Geld mit den Geldtheorien von Aristoteles, Adam Smith, Bernhard Laum und John Maynard Keynes. Die Kurse am Institute for Global Law and Policy der Harvard Law School basieren auf Gunnar Heinsohns und Otto Steigers Eigentumsökonomie. In einer Rezension vermerkte Ingo Sauer 2015, dass angelsächsische Autoren, zuweilen ohne Kenntlichmachung der deutschsprachigen Diskussionen, die Betrachtungsweise von Heinsohn und Steiger adaptieren würden, wie etwa David Graeber, der die beiden Autoren in einer Fußnote nenne, oder Felix Martin, der die beiden Autoren nicht zu kennen scheine. Fredmund Malik, der sich mit der Übertragung der Kerngedanken der „Pionierarbeit“ auf die betriebliche Ebene befasste, urteilte 2016, dass dieser Ansatz „der praktischen Sichtweise der Unternehmen und insbesondere jener der Finanzchefs von Wirtschaftsunternehmen“ entspreche. Das Werk sei damit von „unschätzbar praktischem Wert für eine wirksame Führung, Steuerung und Gestaltung der Organisationen unserer Komplexitätsgesellschaft“.

Genozidforschung

1993 gründete Heinsohn auf Empfehlung des französischen Historikers Léon Poliakov an der Universität Bremen Europas erstes Institut für vergleichende Völkermordanalyse. Dieses Raphael Lemkin Institut für Xenophobie- und Genozidforschung erlosch mit Heinsohns Pensionierung im Jahr 2009. 1997 setzte Klaus von Münchhausen am Lemkin-Institut die Entschädigung der unter dem Hitlerregime ausgebeuteten Zwangsarbeiter durch.

Zum 50. Jahrestag der Befreiung der Insassen des KZ Auschwitz-Birkenau publizierte Heinsohn Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt. Darin wandte er sich gegen die allgemein akzeptierte Unerklärbarkeit der Motive Adolf Hitlers bei der Judenvernichtung. Angesichts der von Hitler betriebenen Wiederherstellung eines „archaischen Rechts auf Infantizid“ (intern) und der „Ausmordung von Lebensraum“ (extern) identifizierte Heinsohn die – auch vom Christentum angenommene – jüdische Ethik der Lebensheiligkeit als entscheidendes Hindernis für Hitlers geplante Weltmachtspolitik. Durch Auslöschung der Juden sollte diese Ethik ihren Träger verlieren, während Nichtjuden als „heilbar“ galten. Soweit sie aber mit der jüdischen Ethik gegen seine Pläne angingen, wurden auch sie umgebracht. 2014 begründete er diese These erneut in einem bald ins Deutsche übersetzten englischsprachigen Beitrag.

1995 hielt Heinsohn (auf Vermittlung des Auswärtigen Amts) in Kigali wenig mehr als ein Jahr nach dem Völkermord in Ruanda einen Vortrag über aus der deutschen Geschichte zu ziehende Lehren für die Versöhnung zwischen Täter- und Opfer-Ethnien. 1998 brachte Heinsohn das erste Lexikon der Völkermorde heraus. 1999 wurde er auf fünf Jahre in den Board des neu gegründeten und bei Routledge erscheinenden Journal of Genocide Research berufen. Dort publizierte er den Essay What Makes the Holocaust a Uniquely Unique Genocide? Die Routledge History of the Holocaust nannte Heinsohns Ansatz 2010 „perhaps a more accessible explanation, at least of the guiding ideology“. Ermutigt vom Staatsminister für Kultur und Medien Michael Naumann entwarf Heinsohn 1999 ein Institut für Völkermordfrühwarnung (Genocide Watch). Naumann präsentierte das Konzept im Januar 2000 auf dem Stockholm International Forum on the Holocaust. Nach Naumanns Ausscheiden aus dem Amt wurde die Initiative von der Bundesregierung allerdings nicht mehr lange verfolgt. Neil J. Smelser und Paul B. Baltes luden Heinsohn ein, für die International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences den Eintrag Genocide: Historical Aspects zu verfassen, der 2001 erschien.

Vorschulerziehung, Bevölkerungspolitik

An der Freien Universität setzte sich Heinsohn in den 1970er Jahren für die Verwissenschaftlichung der frühkindlichen Erziehung durch ihre Verankerung in der Universität ein. Seinen anfänglichen Optimismus, über frühkindliche Erziehung die Lebenslage ganzer Bevölkerungsgruppen verbessern zu können, formulierte er 1974 in seiner Studie Vorschulerziehung in der bürgerlichen Gesellschaft. Doch eine Bestandsaufnahme der Sozialisationsforschung begründete seine Skepsis gegenüber der pädagogischen Potenz von Kinderkollektiven mit Erziehern, die ihre Kräfte für das eigene Familienleben schonen müssen. 1979 wurde Heinsohn in den Beirat der neu gegründeten Zeitschrift Kindheit berufen. Dort publizierte er eine kurze Weltgeschichte des Nachwuchses als Das ‚a priori’ von Kindheit – Die Herbeiführung der Generationsbeziehungen von den Stammesgesellschaften bis zum Kibbutz.

In Artikeln in der Zeit und der FAZ machte sich Heinsohn in den 2000er Jahren öffentlich Sorgen über die angeblich annehmende „Bevölkerungsqualität“ in Deutschland: Um dem abzuhelfen, plädierte er für eine zeitliche Begrenzung der Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter, um diese Familienform nicht weiter zu fördern. Das Schulversagen der so aufwachsenden dürfe nicht durch das Absenkung von Leistungsstandards kaschiert werden, wie es seiner Meinung nach verbreitet geschehe. Ebenso dürfe die überproportional hohe Kriminalität dieser Kinder nicht als Problem der Gesellschaft entschuldigt werden, wolle man nicht deren Deliktzahl weiter nach oben treiben. Diese Tendenzen würden dazu beitragen, die leistungsfähige Deutsche aus dem Land zu treiben und eine potenzielle neue Elite aus dem Ausland fernzuhalten: „Warum sollte sie in ein bereits islamisch absinkendes Westeuropa streben?“

Diese Thesen wurden unter anderem von dem umstrittenen Sachbuchautor Thilo Sarrazin in seinem Bestseller Deutschland schafft sich ab aufgegriffen. Zumeist war das Echo aber negativ: So wurde sein „Ton“ von Hans Endl als „menschenverachtend und biologistisch“ eingestuft, die Argumente würden sich zudem gegen bildungsferne Mütter richten. Die Politologin Naika Foroutan warf Heinsohn einen „entwürdigenden Utilitarismus“ vor, aber auch einen demagogischen Umgang mit Zahlen.

Religionswissenschaft

Während seines Aufenthalts in Israel für das Studium von Wirtschaft und Erziehung des Kibbuz nahm Heinsohn die Frage nach dem Ursprung eines universellen – auch behinderte Neugeborene einschließenden – Tötungsverbotes, wie es das monotheistische Judentum auf den Weg gebracht hatte, wieder auf. In seiner frühesten demographischen Monographie Theorie des Familienrechts. Geschlechtsrollenaufhebung, Kindesvernachlässigung, Geburtenrückgang blieb diese Frage nach der ethischen Tiefenstruktur des Abendlandes (das Christentum übernahm die jüdischen Gebote) ohne Antwort. An den Universitäten in Haifa, Jerusalem und Tel Aviv konsultierte Heinsohn Fachwissenschaftler zur Herkunft der sogenannten goldenen Regel: „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute. / Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst.“ (Dtn 30,15–19 EU) Doch neben dieser blieben auch die Unsichtbarkeit und Allmacht des einzigen Gottes, die Sabbatverbote sowie die Beschneidung am achten Tag – also die Kernelemente des Judentums – unerklärt oder mit einer Vielzahl widersprüchlicher Theorien versehen.

Seine Erklärungsvorschläge trug Heinsohn auf Einladung des Soziologen Erik Cohen 1977 an der Hebräischen Universität von Jerusalem vor. Heinsohn sah die besagten Kernelemente als Kompromissbildungen zwischen Anhängern und Verwerfern der blutopferbestimmten „Himmelskörperreligionen“ Vorderasiens (einschließlich des Alt-Israelitentums) der Bronzezeit, auf deren katastrophengeprägten Verlauf zuerst der Ugarit-Ausgräber Claude Frédéric-Armand Schaeffer (1898–1982) aufmerksam gemacht hatte. Heinsohn steht damit in Verbindung zu Immanuel Velikovsky. So veröffentlichte er einen Artikel über die Thesen Velikovskys in der Zeitschrift „Freibeuter“ im Jahr 1978. Damit begann auch in Deutschland eine eingehendere Debatte unter Amateurforschern. 1982 gründeten Christoph Marx und Heinsohn die Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte (GRMNG). Der Verein löste sich 1988 jedoch wieder auf.

Für Heinsohn eröffnete das Ende der Bronzezeitkatastrophen die Achsenzeit (Karl Jaspers) mit ihren geistesgeschichtlichen Umbrüchen und Neuerungen, zu denen auch der jüdische Monotheismus gehört. Der unsichtbar-allmächtige Gott erwuchs dabei aus dem Kampf der Traditionalisten mit den astronomisch versierten Gelehrten der Nachkatastrophenzeit, die sichere Umlaufbahnen der gefürchteten Planeten nachweisen und sie so zu „Nichtsen“ (Jeremia 10: 2f.) erklären konnten. Sie wurden zu bloßen himmlischen Heerscharen einer zwar nicht sichtbaren, aber allmächtigen Kraft, für die es einen Tempel eigentlich nicht braucht (Jesaja 66: 1–2). Die Sabbat-Verbote – kein Schlachten (2. Mose 16: 23), Feueranzünden (2. Mose 35:3), Kochen und keine Entfernung außer Sichtweite der Wohnstätte (2. Mose 16:29) – richteten sich gegen die Aktivitäten des bisherigen Opfertags, als man fern der Siedlung auf den Höhen (Tofet) das zu sanktifizierende Lebewesen opferte. Sogar den Bauern wurde die Hausschlachtung verboten und einem Schächter übertragen, damit sie nicht zur Fortführung des Tieropfers missbraucht werden konnte. Der achte Lebenstag (1. Mose 17: 10–14) von altisraelitisch-phönizisch geopferten Erstgeborenen erscheint, so Heinsohn, in der Beschneidung wieder. Das Kindestötungsverbot schließlich sollte verhindern, dass unter dem Deckmantel des „gewöhnlichen“ Geburtenkontroll-Infantizids die überkommene Blutzeremonie fortgesetzt wurde.

Aus seinen Studien zum Judentum fand Heinsohn zur Analyse des Judenhasses, den er bis in die Gegenwart untersucht. Seiner Ansicht nach begann der Judenhass als Konflikt zwischen altisraelitisch-kanaanitischen Opferern, die von der Erregungsabfuhr durch das Ritual nicht lassen wollten, und den jüdisch-monotheistischen Opferkritikern, die dafür – etwa durch Flavius Philostratos (um 165/170–nach 244) – auch im Heidentum angegriffen wurden: „Schon vor langer Zeit haben sich die Juden nicht nur gegen die Römer, sondern gegen die gesamte Menschheit erhoben“; denn von „den Brandopfern, Gebeten und Dankopfern schließen sie sich aus“. Im Streit zwischen dem Gott Abrahams, der den Sohn verschonte, und dem sohnesopfernden Gott des trinitarischen Christentums sieht Heinsohn die bisher am längsten anhaltende Ausprägung des Konflikts.

Doch nicht nur der Monotheismus, sondern auch das ihm vorhergehende Priesterkönigtum mit Tempeln und Blutopfer gilt als unverstanden: „Welche rechtliche oder fromme Fiktion oder welcher ökonomische oder soziale Druck diese Haltung (die Akzeptanz des Priesterkönigtums und des Blutopfers im bronzezeitlichen Mesopotamien) hervorbrachte, werden wir wohl nie wissen“ (Adolf Leo Oppenheim). Heinsohn entwickelte zu dieser Stufe der Hochkultur die These, dass die großen Rituale als Heilungen zu verstehen seien, in denen die Überlebenden der Katastrophen ihre Traumata wie Kinder abspielen und die weder durch Angriff noch Flucht abführbare Abwehraggression in kollektiv gebilligtem Töten verausgabten, in dem Tiere oder Menschen anorganische Himmelskörper darstellten. Wenn vor ihren dafür erhöhten Leichen Wiedergutmachungsgesten der rituell geheilten Gemeindemitglieder stattfanden, galt diese Verneigung letztlich den überstarken Naturmächten in Gestalt der sie vertretenden Menschen und Tiere. Den Organisatoren der Rituale, die den Hauptteil der Schuld für das rituelle Töten übernahmen, dankten die Gemeinden durch ihre Versorgung als Priester, die wie Meisterheiler verehrt wurden.

Historische Demographie

Für eine historisch orientierte Bevölkerungslehre unter dem Titel Menschenproduktion. Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit versuchten Heinsohn und Steiger 1979 eine Erklärung für die europäische Bevölkerungsexplosion ab dem späten 15. Jahrhundert zu finden. Die dahinter stehende Geburtenzahl pro Frau mit durchschnittlich 5 bis 6,5 Kindern bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein wurde – neben der produktiv überlegenen Eigentumsökonomik – zur Bedingung europäischer Weltbeherrschung. Gründe für die demographische Wende lagen ihrer Ansicht nach in den Todesstrafen auf Geburtenkontrolle (Abtreibung, Unfruchtbarmachung, Kindesmord und Aussetzen) spätestens seit der Constitutio Criminalis Bambergensis von 1507 und der Constitutio Criminalis Carolina von 1532 vor.

Spekulum aus dem römischen Mérida

Doch daneben wurde, so Heinsohn und Steiger, auch die Frauenheilkunde angegriffen. Es sei bezeichnend, dass das Spekulum, ein zentrales Untersuchungsinstrument der Gynäkologie, in der Renaissance, einer ansonsten erfindungsreichen Epoche, verschwand, obwohl es seit der Antike als speculum magnum matricis (Funde in Pompeji, Mérida), während des Mittelalters als dioptre in Gebrauch gewesen sei. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es von dem französischen Chirurgen Joseph Récamier (1774–1852) zum zweiten Mal erfunden, was Heinsohn und Steiger in Warum musste das Speculum zweimal erfunden werden? 1987 erneut aufgriffen.

Allerdings kam, so die weitere Argumentation der Autoren, die Todesstrafe auf Geburtenkontrolle ab 1507 für das Einsetzen der Bevölkerungsexplosion rund zwei Jahrzehnte zu spät. Wie John Hatcher feststellte, lagen die Wurzeln dieses Phänomens in der Zeit zwischen 1475 und 1485. Schon aus chronologischen Gründen komme daher ein anderer Vorgang in Frage. Heinrich Kramer veranlasste 1484 den Papst zur Herausgabe der Bulle Summis desiderantes affectibus, der sogenannten „Hexenbulle“, die Todesstrafen für „sehr viele Personen beyderlei Geschlechts […], die die Geburten der Weiber umkommen machen und verursachen, […] daß die […] Frauen […] nicht empfangen“ vorsah, wie Heinrich Kramer alias Institoris kommentierte. Der juristische Kommentar zur Hexenbulle, der Malleus Maleficarum (Hexenhammer) von 1487, mache deutlich, dass neben allen immer schon verbotenen Zaubereien etwas Neues hinzugekommen sei. Dabei ging es um eine „siebenfache Hexerei“, deren einzelne Verfahren durchweg den „Liebesakt und die Empfängnis im Mutterleibe mit verschiedenen Behexungen infizieren“. Diese Verfahren der Geburtenkontrolle sollten ausdrücklich „abgesehen von den vielfachen Schädigungen, die sie [die Hexen] anderen, Tieren und Feldfrüchten, zufügen“, nun zusätzlich verfolgt werden.

Die Geburtenkontrollverbote aus Hexenbulle und Hexenhammer wurden von Heinsohn und Steiger seit 1979 als bevölkerungspolitisches Urmuster für die Todesstrafen der weltlichen Gesetze von 1507 und 1532 bzw. als treibender Faktor hinter der demographischen Wende zwischen 1475 und 1485 gewertet. Diese These wurde kontrovers, mitunter polemisch diskutiert, zumal die Publikation in der breiteren Öffentlichkeit positiv aufgenommen worden war – Franz Irsigler nannte sie einen „Bestseller“ – und noch im Jahr 2003 stellte Walter Rummel fest, dass „das darin vermittelte Bild in der Öffentlichkeit noch immer vorherrschend“ sei.

Heinsohn bestritt nicht die vielfältigen anderen Motive, die sich in die Hexenverfolgung einlagerten, und die von seinen Kritikern angeführt wurden. Er hielt ihnen, vor allem Wolfgang Behringer, Gerd Schwerhoff und Gerhard Schormann sowie Walter Rummel, Franz Irsigler und Robert Jütte, entgegen, dass sie die ausdrückliche Bestrafung der Geburtenkontroll-maleficia als das Neue und dann auch geschichtsmächtige Zentraldokument zur Hexenverfolgung zu wenig berücksichtigte. Die Auseinandersetzung um die Monographie wurde bald auch in der medialen Öffentlichkeit geführt – vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – zumal das Werk in einer breiten Öffentlichkeit schnell rezipiert worden war. Heinsohn und Steiger antworteten mit Feminismus, professionelle Hexenforschung, Rechtsgeschichte und Sexualwissenschaft. Antwort an unsere Kritiker auf die ersten Reaktionen der Fachwelt in der dritten Auflage ihres Buches. John M. Riddle hob hervor, dass im 15. und 16. Jahrhundert die Weitergabe von Wissen abgerissen sei: „Die Kette der Wissensweitergabe zerbrach, und auch die Kette des Laienwissens wurde weitgehend unterbrochen […]. Die Autoren der Renaissance wussten weniger über Geburtenkontrolle als ihre mittelalterlichen, islamischen und antiken Vorgänger“. Nach Lektüre der Vernichtung der Weisen Frauen resümierte er in einer weiteren Geschichte der Geburtenkontrolle: „Im Jahre 1985 gelangten der Soziologe Gunnar Heinsohn und der Nationalökonom Otto Steiger, beide von der Universität Bremen, zu einer verblüffenden Schlussfolgerung: Die wissenschaftliche Revolution, die ökonomischen Beweggründe zur Vermehrung und die gleichzeitige Unterdrückung der Hexerei kennzeichneten die Vernichtung der weisen Frauen“. Nach Riddle waren Heinsohn und Steiger „die ersten, die begriffen haben, dass die Reaktion der […] tonangebenden Autoritäten – der politischen, akademischen und kirchlichen Führer – als Warnung vor zu niedrigen Geburtenraten zu verstehen ist. Die führenden Männer machten die ‚Geheimnisse der Frauen‘ dafür verantwortlich. Und dieses weibliche Wissen trachteten sie durch Unterdrückung der Hexenkunst auszumerzen“.

1999 ordneten Heinsohn und Steiger mit ihrem Aufsatz Birth Control: The Political-Economic Rationale behind Jean Bodin's Demonomanie aus ihrer Sicht Jean Bodin neu ein. Dessen Begründung der Hexenverfolgung folge keiner geistigen Umnachtung, sondern erweise sich als bevölkerungspolitische Anleitung zur Bestrafung der Geburtenkontrolle.

Andere Historiker sahen, im Gegensatz zu Heinsohn, gerade die wachsende Bevölkerung als Problem für genau diese Obrigkeiten. Darüber hinaus sei die Zahl der Hebammen unter den Opfern, deren Zahl inzwischen viel niedriger angesetzt wird – Gerd Schwerhoff geht nur noch von 40.000 bis 60.000 Todesopfern aus, zuvor kursierten Zahlen von bis zu neun Millionen Opfern –, eher gering gewesen und man betonte umgekehrt die Kooperationsbereitschaft der „Weisen“ bei der Verfolgung derjenigen, die der Hexerei verdächtigt wurden. Hinzu kam, dass man eher ausschloss, dass dem frühmodernen Staat überhaupt solche umfassenden Möglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten. Auch die Uneinheitlichkeit und Sprunghaftigkeit der Verfolgungen in den europäischen Staaten und in Nordamerika spreche gegen einen übergreifenden Plan. Zudem finde sich wenig von Verhütung in den Prozessakten.

Kriegsdemographie

2003 publizierte Heinsohn Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen. Für Gaston Bouthouls Befund, dass es bei einem starken Ungleichgewicht zwischen karrieresuchenden jungen Männern und verfügbaren gesellschaftlichen Positionen zu Konflikten komme, ermittelte Heinsohn für den dafür erforderlichen Youth Bulge (Jugendüberschuss) einen Anteil von mindestens 30 % der 15- bis 29-jährigen an der männlichen Gesamtbevölkerung. Vor allem für den arabischen Raum einschließlich der Palästinensergebiete umriss er 2003 die ab 2011 im „arabischen Frühling“ zum Ausbruch kommenden Potentiale. Um die Thesen des Buches entstand eine ausgedehnte Debatte, in der sich etwa Reiner Klingholz (Machen junge Männer Krieg?) gegen sie wandte, während sich Soziologen um Uwe Wagschal ihnen mit eigenen Untersuchungen anschlossen. Klingholz bemängelte die fehlende „statistische Grundlage für die Theorie des kriegsträchtigen Überhangs an jungen Männern“. Er führte die These Heinsohns auf eine Studie der CIA aus dem Jahr 1995 zurück, wandte ein, dass die These für Länder wie Brasilien oder Botswana nicht zu gelten scheine, und stellte ihr die allerdings erst nach Heinsohns Buch publizierten Erkenntnisse des Berliner Demographen Steffen Kröhnert entgegen. Für Kröhnert zählen neben anderen kriegauslösenden Faktoren, zu denen auch die Perspektivlosigkeit der Jugend gehöre, vor allem Bildungsmangel und die überlange Herrschaft verkrusteter Diktaturen zu den Kriegsursachen. Hinzu komme die „Entstaatlichung“ der Kriege (Herfried Münkler). Darüber hinaus gelte: „Die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte liegt seit Jahrzehnten bei etwa 6 bis 7 Auseinandersetzungen je Milliarde Erdenbürger.“ Lag der „Überschuss an jungen Menschen“ gar über 21 %, so sank, statistisch gesehen, die Kriegswahrscheinlichkeit; dies führt Kröhnert darauf zurück, dass die 15- bis 24-Jährigen vielfach schon selbst wieder Eltern seien, was einen „Jugendüberschuss“ kaum aufkommen lasse. Dabei „sind die meisten in Konflikte verwickelten Länder arm und schlecht entwickelt. Denkbar ist also, dass die Kriegsgefahr lediglich mit wirtschaftlicher (Unter)-Entwicklung zusammenhängt, die wiederum mit hohen Geburtenraten einhergeht.“ Jugendüberschüsse „über 21 Prozent können […] nur in Ländern mit zuvor hohen Geburtenraten entstehen, in denen die Kinderzahlen binnen kurzer Zeit deutlich gesunken sind“, Er konzediert, dass der Jugendanteil ein „demografischer Stressfaktor“ sein könne, „der zum Ausbruch von Gewalt beitragen kann, wenn der Staat seinen Menschen keine wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten bietet.“ Unklar bleibe, ob er „lediglich Ausdruck des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes ist, welcher Kriege begünstigt“.

Der Philosoph Peter Sloterdijk, der Heinsohn als „höchst anregenden Gelehrten, der die engeren Fachdisziplinen immer wieder zu wissenschaftlichem Nutzen überschreitet“[85] beschrieb, bezeichnete Heinsohns Buch Söhne und Weltmacht als „Pflichtlektüre für Politiker und Feuilletonisten“.[86] 2005 lud der Bundesnachrichtendienst Heinsohn zu einem Vortrag Wie wird sich die Welt entwickeln? – Krisenlage in [sic!] 2020 ein. Nach seinem Essay Babies win wars bat ihn das Londoner City Forum zu einem Vortrag vor NATO-Kommandeuren über Demography and War. In einem dort gehaltenen zweiten Vortrag analysierte er die Konflikte in Afghanistan und Pakistan aus ihrer über Jahrzehnte hinweg oberhalb von sechs liegenden Kinderzahl pro Frauenleben.

Diese und weitere Publikationen trugen Heinsohn in der New Left Review den Vorwurf ein, „NATO’s demographer“ zu sein.[90] 2009 bis 2012 hielt Heinsohn zur Wechselwirkung von Kriegsdemographie und Kriegsrecht Vorträge an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, seit 2012 lehrt er am NATO Defense College in Rom u. a., dass Interventionen westlicher Staaten zurückgehen werden, weil sie – statistisch gesehen – einzige Söhne oder gar einzige Kinder gefährden würden, um gegen dritte oder vierte Brüder zu kämpfen.

Für die Abschätzung von Opferzahlen und Dauer von durch Jungmännerüberschuss getriebenen Konflikten entwickelte er 2011 einen „Kriegsindex“, der die Relation zwischen 15- bis 19-Jährigen misst, die in den Lebenskampf eintreten, und 55- bis 59-Jährigen, die sich dem Ruhestand nähern. Bei einem Index von 6 (Beispiele Afghanistan, Gaza oder Uganda; zum Vergleich Deutschland 0,66) folgen auf 100 Ruheständler 600 junge Männer. Bei Indexwerten von 3 bis 6 seien Spannungen von steigender Gewaltkriminalität bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen wahrscheinlich. Als Erklärung für Gewalt reiche der Kriegsindex allerdings nicht aus; vielmehr seien ein Index zwischen 3 und 7 sowie eine wirtschaftliche Entwicklung erforderlich, schlussendlich „also relativ gut beschulte, ernährte und medizinisch versorgte Jünglinge“. Auch die Dynamik hinter dem Ersten Weltkrieg oder Europas Pazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg könnten, so Heinsohn, auf diese Art besser erklärt werden. Umgekehrt lasse sich auch Kriegsmüdigkeit in einzelnen Fällen als ein Absinken der Kinderzahlen auffassen. Zudem biete sein Ansatz eine partielle Erklärung für die „globale Völkerwanderung“ und einige ihrer Folgen.

Der emeritierte Professor für Politik und Wirtschaft Mohssen Massarrat bemängelte in der Frankfurter Rundschau, dass etwa die Bevölkerungsentwicklung in Bangladesch, China und Brasilien zu Heinsohns Theorie nicht passe. Darüber hinaus bezeichnete er Heinsohns Postulat, dass internationale Hilfsorganisationen aufhören müssten, durch ihren Einsatz die „Kinderproduktion“ in Krisengebieten und Entwicklungsländern zu fördern, als „zynisch“.

Geschichtswissenschaften, Chronologie

Heinsohn misstraut einigen der Methoden der Datierung und baut weitgehend auf stratigraphische Untersuchungen. Er forderte, dass wissenschaftliche Datierungsverfahren nur in Blindtests zur Anwendung kommen dürfen, bei denen die Experten keinerlei Hinweise über die Testmaterialien erhalten und auch weit voneinander abweichende Ergebnisse publizieren müssen. Bereits 1987 postulierte er – seinerzeit gegen die selbst von Immanuel Velikovsky vertretene Bibelchronologie gewendet –, dass für den Ablauf der Menschheitsgeschichte nicht Eisschichten, Baumringe, astronomische Konstellationen oder die gewohnten Datierungen von Münzen und Herrschern, sondern einzig die in archäologischen Stätten vorgefundene Abfolge von Kulturschichten den Vorrang haben müsse. Anders als bei Heinsohns Ansatz wird sonst in der Archäologie nicht davon ausgegangen, dass zwei Schichten, die an einem Ausgrabungsort direkt übereinander liegen, auch zeitlich direkt aufeinander folgen müssen. Ganze Epochen können in der Schichtenfolge ausgespart sein, weil die ausgegrabene Stelle in der Zeit nicht besiedelt war, weil Schichten erodiert sind oder weil Schichten abgetragen wurden, etwa um eine ebene Fläche für Neubauten zu erhalten. Zum Beispiel hat sich bei Ausgrabungen und Surveys in Uruk herausgestellt, dass an manchen Stellen Schichten zeitlich entfernter Epochen direkt aneinander grenzen, während an anderen Stellen Funde anderer Epochen dazwischen liegen. Die Chronologien des Nahen Ostens und des östlichen Mittelmeeres werden im Rahmen des internationalen ARCANE Projektes weiter erforscht, dieses „has revealed growing discrepancies between the results of C14 datings and those of empirical chronologies based on archaeological sequences, the former being usually much higher than the latter would suggest. It appears that these discrepancies are of different magnitude according to various areas.“ Neben der stratigraphischen Datierung werden Datierungsmethoden, die Heinsohn ablehnt wie C 14, Baumringe und schriftliche Quellen weiter zugrunde gelegt.

Altertum: Kaldu und Sumer, Mitanni, Meder und Achämeniden, Hyksos

Insbesondere beschäftigte Heinsohn die vermeintliche Unauffindbarkeit von Chaldäa, das bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bei Juden (etwa Flavius Josephus) wie Griechen (Abydenus, Alexander Polyhistor oder Apollodor) als Wiege der Hochkultur und der Mathematik galt. Immerhin, so der Altorientalist Dietz-Otto Edzard im Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, lebten die Chaldäer (Kaldu) in „88 starken, ummauerten“ und in 820 kleinen Städten in „bis zu zwei Dritteln Babyloniens“. „[Dennoch] ist kein Material über die Sprache der K[aldu] bekannt“ und „Über die Religion der K[aldu] haben wir bisher keinerlei Vorstellung“.

Aber im Gebiet Chaldäas wurde – mit identischen Städtenamen wie Borsippa oder Uruk – das Land „Sumer“ entdeckt, das mittlerweile als Wiege der Hochkultur und der Mathematik gilt. Es war allerdings bis 1869 unbekannt, bis der Altorientalist Jules Oppert es als erster so nannte: „Ich habe diesen Namen [Sumer] seit 1869 verwendet“, wie er selbst 1875 schrieb. Über das biblische Land Schinar datierte er es über „die Zeit Abrahams“ rund 1500 Jahre vor Chaldäa. In der eigenen Schrift aber heißt Sumer keineswegs „Sumer“, sondern „Kalam“. Da die Ur-III-sumerischen Strata nur zwei Schichtengruppen unter den hellenistischen gefunden wurden, würden sie auch archäologisch zu einem chaldäischen Kalam passen. Bei Wiedereinsetzung von Chaldäa in sein materielles Erbe entfiele der Name Sumer, was Heinsohn durch den Buchtitel Die Sumerer gab es nicht ausdrücken wollte. Heinsohns Thesen über die Sumerer hatten keinen Einfluss auf die Assyriologie, bzw. deren Spezialgebiet Sumerologie. Zum Beispiel wird im Reallexikon der Assyriologie unter den Stichworten „Sumer, Sumerisch“ und „Sumer, Geschichte“ keine einzige von Heinsohns Thesen übernommen oder als Möglichkeit diskutiert. Ebenso unerwähnt bleibt Heinsohn in Dietz Otto Edzards, Geschichte Mesopotamiens. Die Bezeichnung Sumer hat Jules Oppert in akkadischen Keilschrifttexten entdeckt, deren Entzifferung erst wenige Jahre zuvor gelungen war. Es ist eine mittlerweile eingebürgerte Fremdbezeichnung für Sprache und Land wovon sich die Volksbezeichnung Sumerer im Deutschen ableitet, so wie das deutsche Wort Griechen, von lateinisch Graeci stammt.

Neben Chaldäa verteidigte Heinsohn auch das mit ihm gleichzeitige Reich der Meder, das als erstes indo-arisches Großreich von Pferdezüchtern bis Mitte der 1980er Jahre in den Geschichtsbüchern stand, seitdem aber, so Robert Rollinger, als widerlegt gilt: „Bis vor etwa 20 Jahren galt die Existenz eines medischen ‚Großreiches‘, das unmittelbar auf den Fall Assyriens gefolgt sei und etwa ein halbes Jahrhundert große Teile Vorderasiens beherrscht habe, bis der angebliche Vasall des letzten Mederkönigs Astyages, Kyros II., seinen Oberherrn überwunden und dessen Imperium geerbt habe, als gesichertes historisches Faktum. […] Das von der klassischen Überlieferung – in erster Linie von Herodot – gebotene Bild einer medischen Reichsbildung darf durch die neuassyrischen Quellenzeugnisse als widerlegt gelten und keine historische Glaubwürdigkeit beanspruchen“. Im Gebiet der Meder findet man ein – astronomisch 800 Jahre früher datiertes – anderes Großreich indoarischer Pferdezüchter, die als Mitanni bekannt sind, jedoch bis 1885 gleichfalls unbekannt waren. Da auch Mitanni-Strata nur zwei Schichtengruppen unter denen des Hellenismus gefunden wurden, identifizierte Heinsohn die Mitanni als Meder.

Ebenso isoliert wie bei Chaldäern und Medern blieb Heinsohn mit seiner Verteidigung des Achämenidenreichs, dem seit 1990 nur noch die iranischen Kerngebiete zugestanden, die bis dahin vertretenen imperialen Dimensionen aber abgesprochen werden. Da Alexander der Große durch den Sieg über die Achämeniden den Hellenismus nach Asien brachte, schlug Heinsohn vor, die direkt unter den hellenistischen Grabungsschichten liegenden Schichten dem Reich der Achämeniden zuzuordnen. Die ursprünglich über Abrahams Bibeldatum bis zu 1500 Jahre früher datierten Assyrer und Babylonier mit ihren reichen Bauschichten hält er für die Bewohner der nach Herodot reichsten Achämenidenregion mit den Satrapien Athura und Babiru. Seiner Gleichsetzung von Hammurapi und Darius widersprach jedoch Ev Cochrane. Heinsohn verteidigte die imperialen Dimensionen des Achämenidenreichs und damit auch die Metropole ihrer indischen Satrapie. Ihre von Alexanders Feldherrn Krateros eroberte und bisher nicht gefundene Hauptstadt Mujika (unter König Musikanos) identifiziert er mit Mohenjo-Daro, das allerdings 1500 Jahre früher datiert wurde. Dies gehe, so Heinsohn, auf die ursprüngliche chronologische Verankerung mit Abraham zurück.

1991 lud der Sechste Internationale Ägyptologen-Kongress Heinsohn für die Präsentation seiner Erklärung der Hyksos (17./16. Jh. v. Chr.) ein. Immer schon bekannt war ihre Wiederverwendung der Keilschrift und bestimmter Waffen (Scimitar) der chronologisch rund 600 Jahre vor ihnen platzierten Alt-Akkader. Da archäologische Schichten der Mitanni – Meder für Heinsohn – auf Schichten der Hyksos genau so direkt folgen wie in anderen Stätten auf solche der Alt-Akkader, schlug Heinsohn die Gleichsetzung von beiden vor.

Zur Geschichte Israels in der biblischen Literatur

Gegen die Löschung der altisraelitischen Königszeit vom 11. bis 7. Jahrhundert v. Chr. aus den Geschichtsbüchern wandte Heinsohn ein, dass die bisher fehlenden archäologischen Belege an der falschen Stelle gesucht werden. Schaut man in die Amarnabriefe der Mitannizeit (ins 14. Jahrhundert datiert), so gebe es dort mit den Apiru [Habiru]-Fürsten Jischua und Dadua zwei Namen, die den Hebräerfürsten Jischai und seinem Sohn David ähneln. Während David im 11. Jahrhundert mit seinen Hebräern Jebu-Leute bekämpfte, um Jerusalem in die Hand zu bekommen, bat der Jerusalemfürst Abdi-Chepa im 14. Jahrhundert in Amarna um Hilfe gegen angreifende Apiru: „Bei genauerer Betrachtung sind bestimmte Einzelheiten der biblischen Erzählung nahezu identisch mit den Beschreibungen der Apiru-Banden in den Amarnabriefen“, räumten auch Israel Finkelstein und Neil A. Silberman ein, aber die biblische Davidgeschichte ereignete sich ihrer Auffassung nach „vierhundert Jahre später in derselben Region“ (S. 46). Wenn andere israelische Archäologen in Jerusalem Kapitelle ausgraben und sie Davids Palast zuweisen glaubte Finkelstein, dass diese aus dem 7./.6. Jahrhundert der Meder stammen. Bereits Peter Winzeler hatte für die Verknüpfung von David- und Mederzeit argumentiert. Für Heinsohn gehört Dadua=David in die Mitannizeit, die er wiederum als Mederzeit sieht.

Spätantike, Frühmittelalter

Heinsohn verfolgt seit 2011 die Frage, warum es seiner Auffassung nach keine archäologische Stätte gibt, die von der Zeitenwende bis etwa 1000 durchgängig Artefakte liefere. Man sei jeweils über Zeiträume von rund 300 Jahren für Bauschichten sicher in einem Kontinuum, die jedoch chronologisch ganz unterschiedlich platziert werden, nämlich entweder in die drei Jahrhunderte bis 300, die Zeit zwischen 300 und 600 oder die Zeit zwischen 700 und 1000. Zugleich wirke ihre materielle Kultur ähnlich und die Fundstätten würden meist römische Münzen aufweisen, die entsprechend der gängigen Chronologie anhand der Herrschaftsdaten der römischen Kaiser der Zeit von ca. 1 bis 235 zugewiesen werden.

Diese Arbeit beendete die Kooperation mit Heribert Illig und führte zum Ausscheiden von Heinsohn aus der Redaktion der Zeitensprünge. Gegen Illig verteidigt Heinsohn seither die Existenz des Kaisers, der als Karl der Große geführt wird. Gegen die gängige Lehre postulierte Heinsohn allerdings, dass Karl keine mittelalterliche Figur sei, weil seine Bauten – wie etwa Karls Pfalz in Ingelheim – in Form und Technik von römischen Villen des 1./2. Jahrhunderts nicht leicht zu unterscheiden seien. Heinsohn meinte dabei nicht, dass Karl zu spät datiert sei – dagegen spricht, dass die Villa nach oben unmittelbar an das ottonische 10. Jahrhundert anschließt, das als gesichert gelten dürfe –, sondern die Römerzeit zu früh.

Auch der Untergang Roms wurde von neuem thematisiert, gibt es doch, so Heinsohn, in allen drei 300-Jahr-Blöcken (in den 230er, 530er und 930er Jahren) gewaltige Katastrophenspuren. In den individuellen Ausgrabungsstätten finden Archäologen aber immer nur eine und nicht drei Auslöschungen stratigraphisch übereinander. Ausgetragen wird die Debatte um Länge und Ereignisse des ersten Jahrtausends hauptsächlich in der Internet-Veröffentlichung The 1st Millennium A.D. Chronology Controversy. Es dürfte sich, so Heinsohns Schlussfolgerung, um eine einzige, aber umfassende Katastrophe gehandelt haben, die sich an vielen Grabungsstätten in umfangreichen Erd- und Schuttschichten niederschlage. Die gängige Chronologie sei relativ jung. Erst Joseph Justus Scaliger (1540–1609) stellte als erster in seinem Werk Opus de Emendatione Tempore eine Chronologie auf, die alle antiken Chronologien zu integrieren versuchte. Heinsohn sieht in der verlängerten Chronik jedoch keine Fälschungsabsicht, wie Illig, sondern glaubt die Ursache in der besagten Katastrophe zu erkennen, die um 930 stattgefunden habe.

(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.org


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