Seyren Ateş

Seyran Ateş (* 20. April 1963 in Istanbul, Türkei) ist eine deutsche Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin türkischer und kurdischer Abstammung. Sie befasst sich als Anwältin in Berlin hauptsächlich mit Strafrecht und Familienrecht und hat sich außerdem in der deutschen Ausländerpolitik engagiert. Seyran Ates war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und nahm am Integrationsgipfel der Bundesregierung teil.

Wegen gewalttätiger Angriffe und Bedrohungen durch Prozessgegner sowie wegen Anfeindungen von verbandspolitischer Seite gab sie im Jahr 2006 vorübergehend ihre Anwaltszulassung zurück und zog sich 2009 nach neuen Morddrohungen ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Seit 2011 tritt sie erneut in der Öffentlichkeit auf und eröffnete 2012 ihre Anwaltskanzlei wieder.

Ates ist Initiatorin und Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt und sich um eine zeitgemäße und geschlechtergerechte Auslegung des Koran und der Hadithen bemüht. Ates erhielt nach Gründung der Moscheegemeinde eine Vielzahl von Morddrohungen und wird darum Tag und Nacht von der Polizei bewacht.

Leben

Jugend

Seyran Ates, deren Mutter Türkin und deren Vater Kurde ist, hat 2003 in ihrem autobiografischen Buch Große Reise ins Feuer – Die Geschichte einer deutschen Türkin die beengten Verhältnisse beschrieben, aus denen sie sich persönlich befreit hat. Der Titel ihres Buches spielt auf ihren Namen an, Seyran heißt ‚Ausflug, Vergnügungsfahrt‘ und Ates heißt ‚Feuer, Fieber‘. Im Alter von sechs Jahren zog sie zu ihren Eltern nach Berlin-Wedding. Diese waren schon Jahre vorher dorthin gezogen, ohne dass ihre kleine Tochter wusste, wohin sie verschwunden waren. In der sehr kleinen Berliner Wohnung hatte sie die herkömmliche Frauenrolle zu erfüllen. Sie musste ihren Bruder und die Eltern bedienen und durfte nicht alleine das Haus verlassen. Für Ungehorsam wurde sie geschlagen und beschimpft. In der Vorschule blieb sie als einzige Türkin mangels hinreichender deutscher Sprachkenntnis zunächst sozial isoliert. Sie lernte aber sehr schnell Deutsch und gehörte bereits in der 1. Klasse zu den besten Schülern. Mit einer Empfehlung für das Gymnasium ging sie schließlich aus eigener Entscheidung auf eine Gesamtschule und machte im Hinblick auf den Wunsch, Jura zu studieren, das Abitur am Oberstufenzentrum Wirtschaft-Verwaltung-Recht. Auf der Gesamtschule wurde sie zur Schulsprecherin gewählt. Die Entfremdung zwischen repressiver Erziehung und schulischer Anerkennung ertrug sie nicht mehr auf Dauer. Mit 17 verließ sie heimlich das Elternhaus und lebte bis zum Abitur in einer Wohngemeinschaft und bei einer befreundeten Rechtsanwältin.

Attentat

Zur Finanzierung ihres Jurastudiums an der Freien Universität Berlin arbeitete sie in dem Kreuzberger Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei TIO für türkische und kurdische Migrantinnen, die sich vor der häuslichen Gewalt in ihren Familien schützen wollten. 1984 erschoss während der Beratungszeit ein Mann ihre Klientin Fatma E. und verletzte Seyran Ates lebensgefährlich. Dabei hatte Ates ein Nahtoderlebnis. Der Tatverdächtige wurde von ihr und sechs anderen Zeugen identifiziert. Später konnte seine Mitgliedschaft in der nationalistischen türkischen Gruppe Graue Wölfe nachgewiesen werden, für die er als Auftragskiller gearbeitet haben soll. Nachdem der Tatverdächtige freigesprochen wurde und bis heute unbehelligt in Berlin-Kreuzberg lebt, warf Ates den Behörden Ermittlungsfehler und Schlamperei vor. Ein Vertreter des Verfassungsschutzes vermied vor Gericht eine Äußerung zur Sache mit der Begründung, es gebe keinen eingetragenen Verein mit dem Namen Graue Wölfe. Die Genesung und Heilung von den Folgen des Attentats zog sich über sechs Jahre hin. 1997 legte sie ihr zweites Staatsexamen am Kammergericht Berlin ab und beendete damit erfolgreich ihr Rechtsreferendariat.

Integrations- und sozialpolitisches Engagement

Seyran Ates wendet sich in der Integrationsdebatte gegen das in ihren Augen gescheiterte Konzept der Multikulturalität und vertritt stattdessen die Idee der Transkulturalität. Sie kämpft mit Vorträgen und Veröffentlichungen gegen die durch ein falsches Islamverständnis legitimierte Geschlechtertrennung und die Unterdrückung der Frau, ihrer Ansicht nach versinnbildlicht in Zwangsverhüllung sowie gegen Zwangsverheiratung, Kinderehen und Ehrenmorde. Sie setzt sich für mehr aufsuchende Sozialarbeit in Familien mit türkischer und kurdischer Herkunft ein und forderte als erste einen eigenen Straftatbestand gegen Zwangsverheiratung, der Frauen und Männer besser vor Zwangsehen schützt. Sie gehörte zu Unterstützerinnen der Mahnwache für das Ehrenmord-Opfer Hatun Sürücü. Wegen ihres Engagements für Integration und Gleichberechtigung wurde sie 2007 in Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Am 1. Oktober 2008 erhielt sie vom Regierenden Bürgermeister der Stadt Berlin, Klaus Wowereit, den Verdienstorden des Landes Berlin. Ates ist Mitglied des Kuratoriums des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg. 2014 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Vorübergehende Aufgabe ihrer Anwaltstätigkeit

Nach einem Scheidungstermin wurden Seyran Ates und ihre Mandantin am 7. Juni 2006 von dem geschiedenen Ehemann am Kreuzberger U-Bahnhof Möckernbrücke beleidigt und bedroht, die Mandantin wurde geschlagen, ohne dass einer der Passanten eingegriffen hätte. Es folgten weitere Bedrohungen von anderen Verfahrensgegnern und politischen Gegnern. Im August 2006 gab Seyran Ates ihre Anwaltszulassung zurück. Sie begründete diesen Schritt mit häufigen Bedrohungen und tätlichen Angriffen durch Verfahrensgegner ihrer Mandantschaft. Sie warf türkischen Verbänden wie etwa der Türkischen Gemeinde zu Berlin und der türkischen Zeitung Hürriyet eine Mitschuld an der „gewalttätigen Stimmung“ vor.

Nur indirekt wies sie auch auf einen Mangel an Personenschutz durch die Polizei hin, den sie jedoch nicht ausdrücklich angefordert hatte, wie sie erst später klarstellte. Zugleich gab Ates bekannt, weiterhin politisch tätig bleiben zu wollen mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Interviews. Hier sei der Personenschutz gewährleistet. Sie erfuhr Zuspruch von Politikern aller Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses, auch im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 17. September 2006. Auch von Berliner Anwälten und dem Deutschen Juristinnenbund erhielt Ates Unterstützung. In ihrem ersten Interview nach ihrer Rückgabe der Anwaltszulassung begründete sie diesen Schritt damit, dass sie nicht so wie Ayaan Hirsi Ali enden wollte. Diese kämpfte in ihrem Land gegen eine Übermacht an und sah sich schließlich zur Emigration gezwungen. Trotz der Hilfsangebote aus Politik (Anwendung des Zeugenschutzprogramms, wie von Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) vorgeschlagen) und Justiz (Mitarbeit in Kanzleien) blieb sie zunächst bei ihrem Entschluss.

Nach einem Gespräch mit Vertretern des Berliner Anwaltsvereins (BAV) und mit dem Deutschen Juristinnenbund (djb) stellte Ates am 11. September 2006 in Aussicht, vielleicht ihre Anwaltstätigkeit 2007 wieder aufzunehmen. Ihre Berufskollegen boten ihr an, ihren Anwaltsberuf zukünftig in einem gemeinschaftlichen Büro einer Anwaltssozietät besser geschützt vor Übergriffen auszuüben. Dieses Angebot wollte sie erst nach einer längeren Phase der Erholung annehmen. Trotz negativer Stimmen aus dem Berliner Senat zum „Fall Ates“ wurde dieser erneut von mehreren Politikern zu Schutzmaßnahmen aufgefordert.

Am 6. September 2007 nahm Ates nach einem Jahr wieder ihre Arbeit als Anwältin auf. Zukünftig wolle sie jedoch ohne eine offizielle Anschrift ihre Mandantinnen betreuen. Zwar wisse sie nicht, wie lange sie noch in Deutschland arbeiten könne, doch werde sie von der öffentlichen Debatte geschützt.

Rückzug aus der Öffentlichkeit nach Morddrohungen

Am 19. Oktober 2009 berichtete Deutschlandradio Kultur unter Berufung auf den Ullstein Verlag, dass sich Ates ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen werde. Der Grund für diesen Schritt seien Morddrohungen, die sie nach dem Erscheinen ihres jüngsten Werks Der Islam braucht eine sexuelle Revolution erhalten habe. Laut Verlag befanden sich Ates und ihre Familie damals in unmittelbarer Gefahr.

Im Februar 2012 beantragte Ates, aus der türkischen Staatsbürgerschaft entlassen zu werden. Dieser Schritt sei ihr persönlich und politisch nicht leichtgefallen, auch weil sie damit ihre Ansichten zur doppelten Staatsangehörigkeit neu überdenken müsse.

Rückkehr in die Öffentlichkeit

Im Sommer 2012 eröffnete sie wieder ihre Anwaltskanzlei, um vor allem hilfesuchenden Frauen als Anwältin zur Verfügung zu stehen.

2016 bereitete Ates mit anderen die Gründung einer Moschee vor, in der, entgegen der sonst üblichen Praxis im Islam, Frauen und Männer gemeinsam beten. Zugleich lässt sie sich zur Imamin ausbilden. Am 16. Juni 2017 eröffnete sie in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Nach etwa 100 Morddrohungen erhielt Ates rund um die Uhr Personenschutz. Ihre Berliner Moschee vertritt einen säkularen Islam. Gegen die zahllosen Hasstiraden gegen sie auf Facebook und Twitter stellt sie in schlimmen Fällen auch Strafantrag. Gemeinsam mit dem Berliner Landeskriminalamt habe sie momentan über 200 Anzeigen gestellt, berichtete sie im September 2017 auf der ÖIF-Podiumsdiskussion Integration und Islam in Wien.

Gemeinsam mit dem ehemaligen österreichischen Bundesrat Efgani Dönmez und dem Juristen Sebastian Reimer initiierte sie im Juli 2017 die European Citizen’s Initiative Stop Extremism (ECI), ein Maßnahmenpaket gegen politischen und religiösen Extremismus in Europa. Ziel ist es, eine EU-Richtlinie zu erreichen, die Schlupflöcher bei der Bekämpfung von Extremismus schließt und europaweit einen effektiven Schutz vor Extremismus etabliert. Zahlreiche prominente Experten und Publizisten, darunter der Autor und Psychologe Ahmad Mansour und der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, unterstützen die Initiative.

Positionen

In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit zum islamfeindlichen Film Innocence of Muslims vertrat Ates als Muslima und Juristin im September 2012 die Meinung, der Staat dürfe den von islamischen Fundamentalisten unterstützten Protestaktionen von Muslimen nicht nachgeben: „Wo aber Religion nur der Abgrenzung dient, stellt sie sich gegen die Demokratie. Und wo Religion nach Strafen schreit, beginnt der Krieg gegen die Aufklärung und gegen jene Freiheiten, von denen hierzulande alle Kirchen und Glaubensgemeinschaften profitieren. Auch ihre Wahrheit muss kritisierbar bleiben. Beleidigt werden kann im Grunde nur der Fundamentalist.“

Dem Rechtsmagazin Legal Tribune Online gab sie im März 2012 ein Interview, in dem sie ihre bis dahin die Doppelte Staatsbürgerschaft rundweg bejahende Auffassung revidierte. Sie stellte die an junge Leute durch die bundesdeutsche Rechtsordnung herangetragene Notwendigkeit, sich für eine Staatszugehörigkeit zu entscheiden, als positive Herausforderung dar. Es sei eine Chance, sich über die Verfassung und die politischen Gegebenheiten der jeweiligen Länder zu informieren, über die Menschenrechtssituation, das Maß an Demokratie, Pluralität und Zivilgesellschaft, das gewährt wird. Ausdrücklich hält sie es für bedenklich, wenn sich eine Gesellschaft Bürger schafft, die die Gesellschaft ablehnen und nur ein Interesse an den Privilegien haben, sich aber für den Rest nicht interessieren, weder für die Sprache noch die Kultur. Sie tritt insbesondere dafür ein, den Verfassungspatriotismus „ins Herz der Integrationsdebatte zu stellen“.

Seit Mai 2018 ist Seyran Ates Botschafterin für den Verein "intaktiv e.V.", der sich gegen die Genitalverstümmelung und Beschneidung von Kindern einsetzt.

(Auszüge aus Wikipedia)

Quelle: www.wikipedia.de

Seyran bei Facebook


Ausgewählte Bücher